Judith Kerndl: „Man muss mit einem Bild leben, um es begreifen zu können.“

Judith Kerndl: „Man muss mit einem Bild leben, um es begreifen zu können.“

Dort, wo die vielbefahrene Westeinfahrt endlich in Wien ankommt, nahe dem Technischen Museum, und doch in einer ruhigen Seitenstrasse gelegen, befindet sich das Atelier von Judith Kerndl. Zuvor haben die Räume jahrzehntelang als Backstube gedient und von außen hat der Ort nach immer den Charme einer kleineren Massenproduktionshalle. Nur dass die Eingangstüre jetzt keinen Knauf mehr hat und die Industriefenster von innen verklebt sind. Man muss schon wissen, wohin man will, wenn man Judith Kerndl in ihrem Atelier besuchen möchte. Am besten, man klopft laut an der Glastüre.

Von Innen ist Judith Kerndls’ Atelier hell, warm und freundlich. Eine Holztreppe führt auf eine selbstgebaute Zwischenetage, wo eine gemütliche Sofagruppe zum Nichtstun einlädt. Eine große grüne Zimmerpflanze wäschst fröhlich vor sich hin. In zahlreichen Kisten und Kistchen befinden sich Judiths Arbeitsmaterialien. Und an fast allen Wänden sind fertige Radierungen zu bewundern oder Zeichnungen noch mitten im entstehen. Holzkisten und Bühnenböden von unterschiedlicher Höhe sorgen dafür, dass die nicht gerade groß gewachsene Künstlerin auch raumhohe Arbeiten bewältigen kann. Judith Kerndl scheinen nie die Energien auszugehen und man kann sich gut vorstellen, dass sie von in der Früh bis Spätabends nichts anderes macht, als sich ihrer Kunst zu widmen.

KUNSTFABRIK: Woran denkst du, wenn du zeichnest?

JUDITH KERNDL: Ich denke an alles mögliche. Meine Gedanken sind völlig frei. Ich denke an alles und manchmal auch an gar nichts. Die Zeit vergeht auch ganz merkwürdig. Ich falle beim Zeichnen immer in eine Art Zeitloch und habe dann kein Gefühl mehr für Minuten und Stunden. Irgendwann merke ich nur: jetzt ist es dunkel.

KUNSTFABRIK: Was gibt dir den Impuls, zu zeichnen zu beginnen?

JUDITH KERNDL: Zuerst brauche ich eine Idee. Aber ich weiß auch, dass ich mich von der Idee wieder verabschieden muss, um mich dann auf das Bild zu konzentrieren. Um zu schauen, was daraus werden kann. Man braucht ab einem gewissen Zeitpunkt des Arbeitens wieder den Abstand, um neu nachdenken zu können. Jeder Strich ist eine Entschiedung. Und manchmal mache ich absichtlich komplizierte Striche, damit es nicht zu einfach wird. Das sind dann die Aufgaben, die ich mir stelle. Vor allem bei großen Zeichnungen bin ich selbst auch neugierig, was daraus wird. Und manchmal denke ich mir dann: “Wow, interessant.” Wenn das Bild zu sprechen beginnt und sagt: “Hallo, ich bin ein Turm. Oder: Ich bin ein Gesicht.”

KUNSTFABRIK: Turm und Gesicht – das sind zwei Motive, die bei dir öfters vorkommen. Wie kommst du zu deinen Motiven – oder die Motive zu dir?

JUDITH KERNDL: Ich habe früher vor allem Portraits gezeichnet. Und irgenwann ist das schwierig geworden, weil ich immer gefragt wurde, wer das ist und ob man den kennt. Mir ist es aber nie um die Person gegangen, sondern um den Ausdruck, um den Gesichtsausdruck. Und irgendwann haben sich dann diese Gesichter in Dinge verwandelt und ich habe mir gedacht: es ist viel einfacher, ein Portrait von einem Ding zu machen. Denn in Wirklichkeit hat ein Gegenstand genauso einen Ausdruck wie ein Mensch. Und deshalb habe ich bis heute das Gefühl, auch wenn ich einen Schlüssel zeichne, dass das in Wirklichkeit ein Portrait ist. Oder der Turm, der teilweise verfallen ist, das ist dann wie die Falten in einem Gesicht. Es sind ja auch Erfahrungen, die man zeichnet. Erfahrungswerte mit dem Gegenstand, die einfliessen in die Arbeit. Und der Bezug zum Turm ist das Leben in der Stadt. Die vielen Häuser, die man tagtäglich sieht, aber immer nur von außen. In sie hineinschauen kann man fast nie.

 

 

KUNSTFABRIK: Du scheinst auch mit Vorliebe große Bilder zu zeichnen.

JUDITH KERNDL: Eigentlich möchte ich immer größer werden. Aber dann kommt schnell das Problem, dass man die Bilder nicht mehr aufhängen kann. Und ich will ja, dass die Leute meine Bilder aufhänge. Also versuche ich, in einem nützlichen Rahmen zu bleiben. Ähnlich geht es mir bei den Drucken. Da arbeite ich momentan so groß, wie die größten Druckerpressen es möglich machen. Eigentlich ist der Grund dafür, warum meine Arbeiten immer so groß werden, der: wenn das Bild zu klein ist, bin ich zu schnell damit fertig. Und das versuche ich unter allen Umständen zu verhindern.

KUNSTFABRIK: Fällt es dir schwer zu sagen: jetzt ist das Bild fertig?

JUDITH KERNDL: Ich höre auf, wenn ich mich in dem Bild zurecht finde. Es gibt natürlich immer Entscheidungen, die man dann hinterfragt, aber man kann sie nunmal nicht mehr rückgängig machen. Ganz zufrieden bin ich nie. Das liegt in meiner Natur.

KUNSTFABRIK: Welche Aufgabe hat für dich das Bild, wenn es fertig ist?

JUDITH KERNDL: Ich finde, die Aufgabe von einem Bild ist, dass es gesehen wird. Wenn es nur eingerollt in einer Ecke steht, erfüllt es nicht mehr seinen Sinn. Und das ist traurig, weil damit verschwindet dann das ganze Bild – für immer.

KUNSTFABRIK: Wie wichtig sind dir dabei Ausstellungen?

JUDITH KERNDL: Ausstellungen mache ich eigentlich nicht so gerne, weil es oft ein Abfertigen von Bildern ist, durch einen viel zu schnellen Blick darauf. Man muss sich doch auf ein Bild einstellen können. Man muss erst einmal mit einem Bild leben, bevor man beginnt, es zu begreifen. Man kann sich ein Bild nicht nur kurz anschauen und dann weitergehen. Die Fragen tauchen erst auf, wenn man mit dem Bild lebt. Erst dann entwickelt man auch eine Harmonie damit. Ich habe das selbst erst verstanden, als ich mit meinen eigenen Bildern im Raum zu wohnen begonnen habe. Erst dann habe ich mir Gedanken dazu gemacht und mir die Fragen gestellt, die sich das Publikum sonst immer stellt: “Was hat der Künstler damit gemeint?”

 

 

KUNSTFABRIK: Bezeichnest du dich selbst als Künstlerin?

JUDITH KERNDL: Ich lasse das lieber offen. Ich sage: ich zeichne. Ich tue mir schwer mit den Begriffen “Kunst” und “Kreativität”. Es gibt dafür keine einfache Definition. Es geht dabei viel um Einfallsreichtum, aber auch um Mut. Als Künstler muss man zu jedem Strich stehen können.

KUNSTFABRIK: Bist du dir selbst mutig genug?

JUDITH KERNDL: Ich habe gelernt, zu den Strichen, die ich mache, zu stehen. Das ist nicht immer einfach, aber das muss man. Weil ganz viele Striche sind verkehrt und falsch – aber wer sagt schon, was falsch ist. Also muss man sich von diesen Kategorien verabschieden. Man muss sich auch von der ursprünglichen Idee verabschieden. Irgendwann geht es nur noch ums Bild. Und wenn das Bild einem sagt: “Ich will, dass da jetzt eine quere Linie ist” – obwohl das komplett verkehrt ist, muss ich das dann machen. Das Bild verlangt das und das Bild braucht das. Und das Bild braucht manchmal auch eine freie Fläche. Weil es geht ja nicht nur um den Strich, den ich mache, sondern auch um den Strich, den ich nicht mache.

KUNSTFABRIK: Ist künstlerisch zu arbeiten auch eine Beschäftigung mit sich selbst?

JUDITH KERNDL: Es ist eine Herausforderung, eine Aufgabe, die man sich selbst stellt und dann lösen muss. Es nimmt mich noch immer sehr mit, wenn mir ein Bild nicht gelingt. Aber man muss das aushalten. Man darf auch keine Angst haben vor dem leeren Blatt Papier. Sobald ich ein leeres Papier sehe, mache ich Striche drauf. Kreuz und quer, damit dieser Schrecken weg ist. Dann weiß ich auch: da sind jetzt verquere Striche drauf, mit denen muss ich was machen. Und das ist dann mein Rätsel, an dem ich zu arbeiten beginne.

Das Gespräch führte: Dominique Gromes

Fähigkeiten

Gepostet am

13. August 2018