Florian Schaumberger gehört zu den wenigen österreichischen Bildhauern, die ausschließlich mit Eisen und Stahl arbeiten. In den letzten Jahren hat sein künstlerisches Schaffen einen entscheidenden Wendepunkt erfahren. Im Gespräch mit dem KUNSTMAGAZIN erzählt er, wie es dazu gekommen ist.

KUNSTMAGAZIN:  Hattest du nie den Impuls, Stein zu behauen? Nicht einmal, als du noch auf der Akademie für Bildende Kunst Bildhauerei bei Joannis Avramidis studiert hast?

FLORIAN SCHAUMBERGER: Ich habe bereits auf der Akademie begonnen, mit Stahl zu arbeiten und eigentlich war ich der einzige, der sich dort für dieses Material interessiert hat. Auf dem Studien-Programm stand anfangs vor allem Aktzeichnen. Höchstens im Kleinen wurde modelliert. Dabei haben wir mit Ton gearbeitet und jede Figur wurde mit Eisengerüsten armiert. Irgendwie haben mir diese Metall-gerüste gefallen und ich habe begonnen, damit meine ersten Figuren zu machen.

Wie fängt eine Skulptur bei dir an? Ist es eine Idee, ein Konzept, ein Gefühl?

Im Prinzip ist es eine Grundstimmung, die ich auszuarbeiten beginne. Es sind sehr persönliche Empfingungen, Eindrücke. Wenn man die Grausamkeiten dieser Welt betrachtet, dann ist das allein schon ein Thema, das einem Künstler für alle Zeiten genug Material liefern kann. Es ist im Grunde ein Abarbeiten an Themen, die starke Emotionen auslösen.

Du hast ziemlich bald begonnen, Kunst im öffentlichen Raum zu gestalten. Von der Großplastik “Euro 2000″ vor der Österreichischen Nationalbank bis zum Denkmal der Exekutive am Heldenplatz. In Galerien hingegen waren deine Arbeiten nicht oft zu finden.

Es ist nicht unbedingt leicht, Galerien für meine Arbeiten zu finden. Allein aus Gewichtsgründen. Aber auch, weil die Arbeiten Platz und Licht brauchen. Vor allem Licht, weil das dunkle Metall viel davon schluckt. Für öffentliche Plätze haben sich meine geometrischen Arbeiten gut geeignet, auch weil sie mit der Architektur in Zusammenhang stehen.

Lange Zeit waren dein Ausgangsmaterial vierkantige Eisenstangen, die du auf dynamische Weise miteinander in Verbindung gesetzt hast. Und dann kommt die Großplastik am Heldenplatz – das Denkmal für die Exekutive im Jahr 2002 – und plötzlich ist alles anders. Hier stehen sich zwei massive, dunkle Stahlblöcke gegenüber und man weiß nicht recht, ob es sich dabei um eine Konfrontation handelt oder um eine Annäherung.

Im Grunde handelt es sich beim Heldenplatz auch um Formrohre, nur in anderer Dimension und stark reduziert. Das Denkmal ist für mich aus persönlichen Gründen eine sehr spezielle Arbeit. Meine Mutter war kurz zuvor tödlich verunglückt und eigentlich wollte ich deswegen die Teilnahme am Wettbewerb absagen. Aber dann habe mich doch entschlossen, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Schlussendlich habe ich ein Objekt der Trauer – sicherlich auch für meine Mutter – geschaffen.

Und gleichzeitig war es das Ende deines Arbeitens mit geometrischen Formen.

Wenn man so will, hat für mich nach dem Denkmal auf dem Heldenplatz tatsächlich eine Art neue Ära begonnen. Man kann die geometrische Form endlos weiterführen und multiplizieren, nur die Herausforderung reduziert sich. Der kreative Akt an sich besteht vorrangig aus Skizze und Modell, von da an geht es fast nur noch ums Vergrößern nach Plan. Auf die Geometrie kann man sich verlassen, aber heftig wird es erst, wenn man in die freie Form geht. Darüber habe ich lange gegrübelt: Wie kann das mit Metall gelingen? Und so bin ich zum Schmieden gekommen.

Und wie verläuft der kreative Akt jetzt? Wie hat er sich verändert?

Meine Arbeiten sind nun viel fragmentarischer. Auch mit dem Zeichnen habe ich fast aufgehört, um dem Zwang, mit dem Material genau dorthin zu kommen, wie man es zuvor skizziert hat, zu entgehen. Am Anfang war das eine große Umstellung, weil man sich plötzlich in den luftleeren Raum begibt. Aber im Endeffekt ist das Abenteuer jetzt ein größeres.

Apropos Abenteuer: Du hast auch dein Atelier in Wien aufgegeben und bist mit deiner Familie in eine alte Mühle ins Waldviertel gezogen.

2002 hatte ich begonnen, unsere alte Mühle zu renovieren. Dann kam das erste Hochwasser und mit einem Schlag war alles kaputt und ich mußte von vorne anfangen. 2006 gab es wieder zwei Hochwasser. Beim letzten Mal ist die Thaya in zwei Stunden um fünf Meter gestiegen, wieder war das ganze Erdgeschoss betroffen. Das hat mich viel Kraft gekostet. In so einer Situation beginnt man, intensiv über die Natur und die Folgen unseres Handelns nachzudenken. Die jetzigen Hochwasser haben viel mit uns zu tun, mit dem Menschen. Mit Klimawandel, Starkregenzonen, Bodenverdichtung durch Landwirtschaft und Industrie. Und damit sind wir bei der Gewalt, die der Natur angetan wird. Solche Gedanken fließen dann natürlich in meine Arbeiten ein.

Deine aktuellen Tafelbilder erzählen tatsächlich davon. Die geschmiedeten Fragmente, die du auf einer Stahlplatte anbringst, enthalten durchaus auch florale Formen.

Die Tafelbilder sind für mich eine Art malen in Stahl, sie erzählen von Zerstörung und Gewalt. Der Entstehungsprozess ist ein kräfteraubender, intensiver Akt. Ich zerschneide eine Stahlplatte und schmiede aus den Stücken die einzelnen Formen. 8mm dicke, glühende Stahlelemente werden dazu mit einem Hammer bearbeitet und geformt.

Und dieser körperliche Aspekt des Kunstmachens, inwiefern fließt der in die Arbeit ein?

Für mich bedeutet Kunst zu machen in diesem Fall neben der geistigen Auseinandersetzung natürlich auch einen großen körperlichen Einsatz. Ein Umstand, der übrigens auch zu meiner Arbeit als Bio-Bauer gehört. Ich betreibe nebenbei eine kleine Landwirtschaft, und gerade im Sommer bekommt dadurch alles eine etwas andere Gewichtung. Ich mähe unsere Wiesen, pflege unsere Apfelbäume, es wird geerntet und Schnaps gebrannt. Für mich ist das aber kein Bruch, wenn ich nun nicht mehr den ganzen Tag im Atelier stehe, sondern manchmal eben auch auf der Wiese. Beides wächst zusammen und kann sich gegenseitig befruchten.

 

Das Interview führte Dominique Gromes

Das Interview mit Florian Schaumberger ist erstmals im jährlich erscheinende Kunstmagazin der Galerien Thayaland erschienen.
Das Magazin kann kostenlos bestellt werden unter office[at]galerien-thayaland.at

Florian Schaumberger: Über die Geometrie des Stahls und die Freiheit, die dahinter liegt

Apr 30, 2017