Der 33-jährige Stefan Reiterer ist in Waidhofen an der Thaya aufgewachsen und zur Schule gegangen. Danach hat er an der Akademie der bildenden Künste in Wien, in der Klasse “Erweiterter Malerischer Raum” bei Daniel Richter und Francis Ruyter studiert. Mittlerweile ist Stefan Reiterer mit großen Einzelausstellungen weit über Österreich hinaus erfolgreich. Wir wollten den vielseitigen Künstler in seinem Atelier treffen. Doch war er zu diesem Zeitpunkt gerade aus dem alten Gemeinschafts-Atelier ausgezogen und hatte sein neues Einzel-Atelier noch nicht in Betrieb genommen. Es gab dennoch eine Menge zu besprechen.

 

Galerien Thayaland: Womit beschäftigen Sie sich gerade?

Stefan Reiterer: Grundsätzlich beschäftige ich mich mit digitalen Bildgestaltungsprozessen und den unterschiedlichen Möglichkeiten, dreidimensionalen Raum abzubilden, gleichzeitig aber auch zu manipulieren. Schon mein Diplom an der Akademie war eine Installation, in der ich großformatigen Leinwandstoff zerteilt, bemalt und im Raum aufgespannt habe. So wurde die gewohnte Raum-Struktur zerschnitten, oder auch: neu verbunden – wie man das eben sehen möchte. Aus Leinwänden, die fürs Zweidimensionale gedacht sind, werden dreidimensionale Skulpturen. Viele Besucher hat das auch an eine Bühnenbild-Situation erinnert. Es ist jedenfalls ein ganz neuer Raum entstanden.

 

 

Gleichzeitig arbeiten Sie auch in die entgegengesetzte Richtung. Die Serie “templates” besteht aus plastisch anmutenden Malereien auf MDF-Platten…

Die Vorlagen dieser Serie gehen auf 3D-Modelle meiner früheren Bilder und Satellitenbilder der Software GoogleEarth zurück. Malerei war für mich nie eingeschränkt auf: Bilder, die flach an der Wand hängen. Eine weitere aktuelle Serie trägt den Titel “formants”. Dabei habe ich die bereits erwähnten 3D-Modelle von Bildern digital verbogen und lasse nun 3D-Drucke davon produzieren. Aus Holzstaub und Kleber – so entstehen Objekte bzw. Wandreliefs im Raum, die ich erneut bemale.

 

Die von Ihnen konzipierte Ausstellung in der Kunstfabrik – malerische und bildhauerische Produktionsweisen unterschiedlicher KünstlerInnen zu präsentieren – ist also auch von Ihrer eigenen Arbeitsweise inspiriert.

Wobei die beiden KünstlerInnen, die ich zur Ausstellung eingeladen habe, Terese Kasalicky und Matthias Peyker, ihren sehr eigenständigen Umgang mit Material haben. Was uns verbindet ist die Tatsache, dass die Herangehensweise etwas Prozesshaftes in sich birgt. Werke entstehen im Übereinanderschichten von Werkstoffen beziehungsweise Ebenen – Farbe, Gips oder Holz – und werden, wenn nötig, auch wieder abgetragen, verändert oder vernichtet. In unserem Fall verweisen diverse Elemente gerne auf etwas Bekanntes, Alltägliches, vielleicht schon einmal Gesehenes.

 

 

 

Die Ausstellung in der Kunstfabrik ist nicht die erste, die Sie kuratiert haben. In Wien betreiben Sie seit einigen Jahren – gemeinsam mit dem Künstler Axel Koschier – den artist-run-space “new jörg”.

Die Ursprungsidee des “new jörg” war, jenen Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform zu geben, die für unsere Begriffe zu wenig Aufmerksamkeit erhalten, die aber in der Wiener Szene sehr aktiv sind und deren Arbeiten wir schätzen. Später ergaben sich auch eine Art internationaler Austausch mit anderen vergleichbaren KünstlerInnen-Initiativen, Beteiligungen und Kunstmessen, sowie Ausstellungen in Museen. Wir haben KünstlerInnenkollektive aus New York, Mexico City oder São Paulo eingeladen, nach Wien zu kommen und hier auszustellen. Und wenn möglich haben wir auch unsere Ausstellungsprojekte in deren Räumlichkeiten realisiert. Aufgrund dieser Dynamik hatten wir in einem Jahr plötzlich acht bis zehn Ausstellungen im “new jörg” zu organisieren. Das ist sehr viel Arbeit für einen gemeinnützigen Verein bestehend aus zwei Personen, und das neben der eigenen künstlerischen Tätigkeit.

 

Apropos ausstellen: Wie fühlt es sich an, nun zum ersten Mal so nah an ihrem “Zuhause” Waidhofen an der Thaya auszustellen?

Genau genommen habe ich vor zehn Jahren schon in der Kunstfabrik ausgestellt, in verschiedenen Gruppenausstellungen und einmal im Projektraum junge Kunst – zusammen mit Franz Part, der damals in der Galerie ausgestellt hat. Er war mein Lehrer für Bildnerische Erziehung am Gymnasium in Waidhofen und er hat Schülerinnen und Schüler, die sich für Kunst interessiert haben, immer sehr unterstützt. Im Unterricht hat er mir den Freiraum gelassen, mich mit dem zu beschäftigen, was mich gerade interessiert hat. Und später hat er mir bei der Vorbereitung für die Aufnahmeprüfung an der Akademie geholfen. Franz kommt jetzt noch immer zu meinen Ausstellungen, ich auf seine und auf die von seinem Sohn Michael.

 

 

Das vergangene Jahr war ja für alle KünstlerInnen und Kunst-Institutionen schwierig. Es gab kaum die Möglichkeit auszustellen oder die Ausstellungen anderer zu besuchen. Wie haben Sie das erlebt?

Das Positive an der ganzen Situation war, dass man plötzlich über das „Erfahren und Erleben von Kunst“ nachgedacht hat. Also zum einen gab es sehr bald digitale viewing rooms und Online-Ausstellungen. Aber diese Bemühungen konnten meines Erachtens das Interesse an Kunst und das Verlangen nach Kultur nicht richtig kompensieren. Die Leute wollten in die Galerie kommen, ins Museum gehen oder ins Theater. Das konnte durch nichts ersetzt werden. Auch nicht, indem man das Erlebnis virtuell nachgebildet hat. Es ist also ein gutes Gefühl, zu wissen, dass die Leute danach brennen, Kunst persönlich zu erleben.

 

Das Interview führte Dominique Gromes

Cover-Foto: © Dorothea Zeyringer
Atelier-Ansicht: © Stefan Reiterer
drei Werke aus der Serie „Formants“: © Flavio Palasciano
Ausstellungsansicht Galerie Crone, Wien © Peter Mochi

 

Stefan Reiterer: „Malerei – das ist nicht nur ein Bild flach an der Wand.“

Jul 19, 2021