Noch bevor die neue Saison begonnen hat, haben wir die fünf jungen KünstlerInnen, die 2018 im Projektraum ausstellen werden, an einem Sonntag Nachmittag in die Kunstfabrik geladen. Es gab Kaffee und Kuchen, die Räume wurden besichtigt und Pläne geschmiedet für die kommenden Ausstellungen. Und dann haben wir darüber zu sprechen begonnen, was es eigentlich heißt, (junger) Kunstschaffender zu sein. Auszug aus einem Dialog, der keinen Anfang und kein Ende kennt.

KUNSTFABRIK: Was war eigentlich euer erstes Kunstwerk?

SIMON GORITSCHNIG: Ich war noch relativ jung, als ich mein “erstes Kunstwerk” gemacht habe. Die Definition davon, was Kunst ist, hat sich aber seither immer wieder verändert. Als kleines Kind waren meine Zeichnungen Kunstwerke. Heute beurteile ich Bilder, die ich vor zwei Jahren gemacht habe, schon sehr kritisch.

VALERIE TIEFENBACHER: Ich habe gerade an ein Kinderbild von mir gedacht, dass ich damals nicht als Kunst gesehen habe, wo ich mir heute aber denke: ich würde gerne wieder so zeichnen können. Mit dieser Freiheit. Jetzt würde ich sagen: mein erstes Kunstwerk war mein Diplom.

MAGDALENA KREINECKER: … weil das Diplom die erste fokussierte Arbeit ist. Ich stehe jetzt kurz vor dem Diplom und freue mich sehr, mich nun einen längeren Zeitraum nur auf diese eine Sache konzentrieren zu können.

LISA-MARIA ERNST: Ab dem Zeitpunkt, wo man Kunst studiert, lernt man auch ständig Neues dazu, neue Perspektiven, neue Ideen. Ich lese gerne Künstler-Biografien, weil ich darin Überschneidungen zu meinem Leben finde. Nicht nur in der Arbeit, sondern auch in der Person. Man erfährt, dass sich das Verhalten von Menschen, auch wenn sie von wo anders herkommen und zu einer anderen Zeit gelebt haben, doch immer wiederholt. Etwa der Antrieb, Kunst zu machen. Dass es da anderen ähnlich gegangen ist, das ist dann auch ein Antrieb für mich selbst.

KUNSTFABRIK: Welchen Stellenwert hat eigentlich das Kunststudium für diesen Antrieb?

PATRICK ROMAN SCHERER: Durch das Studium kannst du der Kunst mehr Zeit widmen. Und du triffst Menschen, die ähnliches machen. Andererseits ist ein Kunststudium an sich natürlich nicht das, was dich zum Künstler macht. Schlussendlich liegt es immer an einem selbst, was man aus so einem Studium macht: wie man beobachtet, was man konsumiert, wem man zuhört und wo man nachfragt, wenn man etwas nicht weiß.

SIMON GORITSCHNIG: Es sind geistige Werkzeuge, die man bei einem Kunststudium in die Hand gedrückt bekommt. Man erkennt dabei aber auch, dass man selbst nur ein winziger Punkt in der Kunstgeschichte ist.

VALERIE TIEFENBACHER: Und man sieht auch schnell die Konkurrenz. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich vor der Uni einen freieren Zugang zum Malen und Zeichnen hatte. In meiner Klasse waren die StudienkollegInnen auch alle schon älter, Ende zwanzig, und ich war gerade mal 18 Jahre alt. Das hat mich anfangs schon eingeschüchtert, meine Arbeit als Kunst zu legitimieren.

MAGDALENA KREINECKER: Ich habe im vergangenen Jahr als Kuratorin im Ausstellungsraum brick5 in Wien gearbeitet und habe dort 16 junge KünstlerInnen in Zweiergruppen zusammen gespannt, damit sie gemeinsam arbeiten und dann eine Ausstellung machen. Und daraus ist nun ein Netzwerk aus Freunden und Kollegen entstanden, das mir gerade durch diese Form des experimentellen und offenen Zusammenarbeitens sehr viel Freiheit in meiner Arbeit gibt.

LISA-MARIA ERNST: Ich mache so etwas ähnliches. Ich habe mit vier, fünf anderen Leuten im ersten Bezirk in Wien die “One Mess Gallery” aufgebaut. Da hat jeder andere skills – einer organisiert, einer kuratiert – und so kann jeder vom anderen lernen. Es macht Freude, KünstlerInnen einladen zu können und ihnen diesen freien Raum zur Verfügung zu stellen. Und man nimmt immer etwas für sich selbst daraus mit.

KUNSTFABRIK: Habt ihr für euch selbst auch schon eine Galerie gefunden, die euch vertritt und die dafür sorgt, dass eure Arbeiten verkauft werden?

SIMON GORITSCHNIG: Ich weiß noch immer nicht, wie man eine Galerie eigentlich findet. So etwas lernt man zum Beispiel nicht auf der Uni …

VALERIE TIEFENBACHER: Ich glaube, heutzutage organisieren die meisten jungen KünstlerInnen ihre Ausstellungen ohnehin selbst. Es kommt natürlich auch darauf an, welche Art von Kunst man macht. Weil Galerien wollen vor allem verkaufen. Und Malerei verkauft sich sicher einfacher als Videokunst und Fotografie verkauft sich leichter als Installationen. Das sagt natürlich nichts über den künstlerischen Wert der unterschiedlichen Arbeiten aus. Als junger Künstler macht man auch viel bei Ausschreibungen mit und sucht um Förderungen an. Also man muss auf jeden Fall seine eigene Sekretärin sein können.

MAGDALENA KREINECKER: Ich denke beim Produzieren nicht daran, ob ich es verkaufen kann. Ich mache vor allem Installationen, da es das ohnehin schwierig. Zum Verkaufen mache ich dann eher Künstlerbücher oder Radierungen. Ich finde es eigentlich auch wichtig, dass es diesen Moment gibt, wo Kunst nicht käuflich ist. Das ist das schöne an der freien Szene.

PATRICK ROMAN SCHERER: Ich kann seit drei Jahren von meiner Kunst leben. Und bin sehr froh darüber, dass ich meine ganze Zeit in die Kunst investieren kann. Die Frage, ob man von seiner Kunst leben kann, wird einem tatsächlich oft gestellt. Und es kommt mir so vor, dass anhand dieser Frage auch die Kompetenz gemessen wird – dass der Verkauf einer Arbeit gleichzeitig die Relevanz des Kunstwerks und des Künstlers garantiert. Das halte ich für falsch, denn es gibt so viele gute KünstlerInnen, egal, ob sie davon leben können oder nicht.

KUNSTFABRIK: Habt ihr euch je diese Frage gestellt: warum ihr Kunst macht?

SIMON GORITSCHNIG: Ich habe zum Glück ziemlich früh erkannt, dass es darauf keine Antwort geben kann. Deshalb habe ich aufgehört, mir oder anderen die Frage zu stellen.

VALERIE TIEFENBACHER: Was mich am meisten interessiert ist, dass man mit Kunst Forscherin in allen Bereichen sein kann. Und sich dadurch auch viel mit den eigenen Wünschen auseinandersetzt.

LISA-MARIA ERNST: Man macht Kunst, um sich die Welt zu erklären. Und, weil sie einem Halt gibt.

MAGDALENA KREINECKER: Momentan geht Kunst auch eher in Richtung gesellschaftspolitischer Themen. Studienrichtungen wie ortsbezogene Kunst zum Beispiel, wo es um den sozialen Raum geht und nicht darum, etwas herzustellen, was man verkaufen kann. Zeitgenössische Kunst beginnt sich ganz stark wieder einer Gesellschaft gegenüber zu öffnen. Das finde ich sehr erfreulich.

Das Gespräch führten Dominique Gromes und Günther Gross
Fotos: Attila Boa

Round-Table-Gespräch im Projektraum: „Wir machen Kunst, um uns die Welt zu erklären“

Mai 3, 2018