Vor 25 Jahren gründete Peter Coreth das „Museum Humanum“ im niederösterreichischenm Grenzort Fratres. Kurz darauf folgte mit dem Ausstellungsort „Kulturbrücke“ ein künstlerischer und gesellschaftlicher Brückenschlag zu den tschechischen Nachbarn. Vor kurzem lud die renommierte Harvard Universität in Cambridge (USA) Peter Coreth ein, einen Vortrag über sein außergewöhnliches Engagement für die Kunst zu halten. Wir bringen daraus einen Auszug.

 

„Eines werden Sie von mir bestimmt nicht hören: Eine Definition, was Kunst ist. Lieber möchte ich Ihnen eine Anekdote über John Cage erzählen: Der Komponist hielt einmal einen Vortrag über seinen Kunstbegriff, als plötzlich die Saaltür aufflog und ihn jemand mit der Frage unterbrach, ob dieses Öffnen der Tür eigentlich auch Kunst sei? – Die Antwort von John Cage war sehr präzise: „If you celebrate it, it´s art, if you don´t, it isn´t.“ („Wenn Sie es zelebrieren, ist es Kunst. Wenn nicht, dann ist es keine Kunst.“)

 

Wer – wie ich – Kunst sammelt, will an etwas teilhaben. Eine Privatsammlung von Kunstwerken ist freilich etwas höchst Subjektives und Fragwürdiges. Ich kann nicht als „Experte“ irgendeiner Fachrichtung zu Ihnen sprechen, nur als Sammler, als ein Liebhaber von Kunst. Das klingt bescheidener als es ist: Für Egon Friedell war der Dilettant der einzige, der sich ein menschliches Verhältnis zu seinem Gegenstand bewahrt hat.

 

Als ich Mitte der 70er-Jahre in einer Lebenskrise durch die großen Museen Europas gestreunt bin, machte ich erstmals die Entdeckung, daß Kunstwerke zu mir sprachen. Ich fühlte deutlich, daß sie mich betrafen – und das, obwohl ich damals fast nichts über sie wusste. Damals war ich (nach fünf Jahren Arbeit als außenpolitischer Redakteur der Salzburger Nachrichten) in einer Mansarde in London gestrandet. Mir war klar, daß ich nicht mehr in mein altes Leben zurückkehren würde. Es war mir unmöglich geworden, auf all das, was sich in der Politik und rings um mich ereignete, mit den gewohnten Sätzen zu reagieren. – Was war geschehen? Ein Umbruch, zweifellos, denn die Welt interessierte mich nicht mehr als Information, sondern als Geheimnis.

 

 

 

An den Kachelwänden der Londoner U-Bahn-Stationen fand ich mit Filzstift gekritzelte Kassiber, Manifeste menschlicher Sinnsuche und Heilsbedürftigkeit. Da waren die Graffiti der Rastafa, der Druiden, der Hare–Krishna-Jünger, der Rosenkreuzer und anderer, die im Dickicht der Stadt lebten: Ich irrte durch einen Wald von Zeichen.
Im Untergrund verstand ich plötzlich, was mir zwei Jahre zuvor Leopold Sedar Senghor (Afrikas grosser Dichter, Vater der Negritude und damalige Staatspraesident von Senegal) in einem Interview zu erklären versucht hatte: daß Kunst keine Verzierung des Lebens ist, kein Schnörkel, der etwas dekorieren soll. Senghor sah Kunst als ein Vehikel des Mythos, als Botschaft, Anrufung, als etwas Lebensnotwendiges!

 

Damals begann ich, Galerien und Märkte aufzusuchen. Aus einem unklaren Impuls heraus erwarb ich meine ersten Stücke. Die stellte ich auf meine Fensterbank und machte eines Nachts die Entdeckung, daß mit ihnen etwas Anschauliches und Authentisches in mein Leben getreten war. Meine stummen Mitbewohner waren stofflich, greifbar, und zugleich Annäherungen an das Unbegreifliche. Mich reizte die imaginäre Zwiesprache mit Menschen, die ein neolithisches Tongefäß mit einem rätselhaften Ritzmuster versehen hatten.

 

Ausgehend von Zentralasien, wo Einflüsse aus vielen Kulturen zusammentreffen, sammelte ich in alle Richtungen und quer durch die Epochen. Einen ersten Schwerpunkt bildete die Kunst von Gandhara, wo sich im 1. Jahrhundert das frühe Bildnis des Buddha nach dem Menschenantlitz des Hellenismus geformt hatte und kraftvolle Schiefersteinfriese entstehen ließ. Es zog mich in den Strudel der Mischkulturen des vorderen Orients und des Mittelmeerraums. Mehr und mehr wurde mir bewusst, daß sich Kulturen erst im Vergleich miteinander erschließen. Ich wollte den Zusammenhang erfassen, das Gemeinsame, Verbindende freilegen. Getrieben vom Eros des Aufspürens, fasziniert von den formalen Analogien, zog es mich von einem Kreis in den anderen.

 

 

Vergebens hielt ich damals Ausschau nach einem Museum, das die Zeugnisse menschlicher Imagination so anordnet, daß sie über Zeit- und Kulturgrenzen hinweg in einen Dialog miteinander treten können. Was mir vorschwebte, war ein Museum ohne die üblichen Einteilungen nach dem wissenschaftlichen Zettelkasten des 19. Jahrhunderts und ohne den kulturimperialistischen Zeigefinger.

 

Ich träumte von einem Museum als Gesamtkunstwerk aus menschlicher Sehnsucht und Verstiegenheit! Man sollte dieses Panoptikum irdischer Sinnsuche wie einen farbenprächtigen, ein wenig wildwüchsigen Garten durchstreifen können und dabei den Grundfragen des eigenen Lebens begegnen. Hätte ich damals irgendwo auf der Welt ein derartiges Museum gefunden, wäre mir viel erspart geblieben. So musste ich dieses Museum selber gründen!

 

Museums-Gründer Peter Coreth

 

Als 20 Jahre später an Österreichs nördlichen Grenzen der Stacheldraht niederging, kaufte ich in unmittelbarer Grenznähe einen verfallenen Gutshof, der mir zur Präsentation meiner auf 2000 Objekte angewachsenen Sammlung geeignet erschien. Nach Jahren des Renovierens konnten wir 1997 das MUSEUM HUMANUM eröffnen.

 

Diese Dauerausstellung im Grenzort Fratres zeigt Beispiele zur Evolution der Kunst im transkulturellen Vergleich. Ein kleiner Schauplatz großer menschlicher Themen, könnte man sagen: Der Zeit-Bogen reicht von der magischen Vorstellungswelt der Steinzeitjäger und Naturvölker, über die von Mythen und Religionen geprägten Kulturphasen, bis zur anthropozentrischen Kunst der Gegenwart. Man begreift Ursprung und Transformation der künstlerischen codes und gelangt dadurch zu einem besseren Verständnis gerade auch der zeitgenössischen Kunst. Eine Besonderheit von Fratres liegt darin, daß neue Kunst im Kontext mit alter Kunst präsentiert wird.

 

 

Ein Museum allein im Waldviertler Niemandsland hätte wenig Sinn ergeben. Die Sammlung sollte auch ein Bezugsrahmen für eine neuartige, auf Zukunftsfragen ausgerichtete Kulturarbeit werden. Doch als ich mich mit Freunden aufmachte, Fördergeld für ein utopisches Projekt namens KULTURBRÜCKE am ehemaligen „Eisernen Vorhang“ aufzutreiben, hatte man in den Ämtern wenig Freude mit uns: „Braucht ein 28-Seelen-Dorf ein Kulturforum? Wollen‘S nicht lieber eine Jausenstation für Radfahrer aufmachen?“

 

Daß wir damals gegen alle Widerstände auf die Beine kamen, verdanken wir vor allem Vaclav Havel und Kardinal König, die uns besuchten und großartig ermutigten. So entstand ein Forum für den interkulturellen Dialog, das sich nicht nur auf die Überwindung der Staatsgrenze bezieht, sondern zunehmend Brücken zu außereuropäischen Kulturen schlagen konnte.

 

Wer Kultur über Grenzen veranstaltet, macht Grenzerfahrungen! Als die Kulturbrücke in ihren Pionier-Jahren einen Grenz-Shuttle zwischen ihren Veranstaltungsorten Fratres und Slavonice einrichtete, wurden den Musikern am Zoll die Instrumente abgenommen. Ein andermal durften die Instrumente passieren, aber nicht alle Musiker. Doch als wir im Laufe unserer musikpädagogischen Kurswoche 120 Leute täglich dreimal über dieselbe Grenze schickten, begannen die Zoll-Bastionen zu bröckeln. In der Frankfurter Rundschau stand damals zu lesen: „In einem österreichischen Dorf hinter dem Wald erlebte man die europäische Integration als eine Ermüdungserscheinung der nationalen Bürokratien…“

 

 

 

Heute sind wir ein gutes Stück weiter, gewiß. Wir haben praktisch keine Grenze mehr. Und doch merken wir, daß wir sie nicht wirklich losgeworden sind, die Grenze. Ich erspare Ihnen die Phrase von den „Grenzen im Kopf“, aber es ist schon so: erst das Bewusstsein der Unterschiede macht das Gemeinsame erfahrbar. Das erfordert Differenziertheit und Einfühlung. In Fratres versuchen wir, zwischen verschiedenen Weltbildern, Kulturen und Denkweisen zu vermitteln und Verführungen zur Kunst zu inszenieren. Wir werfen vom Zeitgeist vernachlässigte Fragen auf und wollen – gemeinsam mit unseren tschechischen Freunden – die verblassten Konturen dieser ehemals zusammenhängenden mitteleuropäischen Region wieder sichtbar machen.

 

 

Das Museum Humanum in Fratres

 

 

Aber wie müsste eine eue Kunst beschaffen sein, die nicht bloß Zerstreuung und Verzierung wäre, nicht bloß Geschäft und Eitelkeit, sondern wirklich Teil des Lebens? Ich meine eine Kunst, die uns wieder betrifft und ergreift! Eine Kunst, die man als Fortsetzung des Lebenskampfes mit anderen Mitteln verstehen könnte und die damit in die Nähe dessen käme, was Francis Bacon „angewandte Metaphysik“ genannt hat?

Diese Frage möchte ich – weil sie mich überfordert – an Sie weitergeben.

 

Peter Coreth, 2012

Museum Humanum

Kulturbrücke

Peter Coreth: „Grenzerfahrung durch Kunst“

Mai 2, 2020