Am 28. Mai 2022 eröffnet die kuratorische Installation “VVV – Verwoben, Verbunden Vernetzt” in der Kunstfabrik Groß Siegharts. Hier schreibt die Kuratorin Ida-Marie Corell über ihr Projekt.

 

Die, wie fluchtartig verlassenen, Webstühle im obersten Stockwerk der Kunstfabrik Groß Siegharts bringen die Vergangenheit in die Gegenwart und erzählen von den einst rhythmischen Handgriffen einer lebhaften Textilindustrie. Von dem hektischen Rein und Raus der Fachkräfte, die aus ganz Europa nach Groß Siegharts kamen und von den „Bandlwaren“, die mit Hilfe von „Bandltragern“ in die Länder der Donaumonarchie gebracht wurden.

 

© Ida-Marie Corell


Während sich durch den Wirtschaftsaufschwung die Textilindustrie von ihrer lokalen Webkunst löste und zu einer der grössten international vernetzen Zweige der auf Profit, Fortschritt und Schnelligkeit ausgerichteten Weltwirtschaft wurde, blieb Groß Siegharts eine dorfartige ruhige Gemeinde im Waldviertel.

In unmittelbarer Nähe jedoch der Kunstfabrik erinnert ein Billigkleider und -warengeschäft an die globale, schnelllebige Produkt- und Modeindustrie, die wie viele Zweige der Global Economy, lokales Handwerk fast vollständig verdrängt hat.

 

© Ida-Marie Corell


Es ist heute erschwinglicher (ein schöneres Wort für billiger), Kleidung und Produkte günstig zu produzieren und dadurch den Neukauf anzuregen als Dinge zu reparieren. Die Ware wird zum Teil unter menschenunwürdigen Bedingungen, in tausenden von Kilometern Entfernung hergestellt und mit klimaschädlichen Lieferketten sogar bis ins entlegene Waldviertel an die Tschechische Grenze geliefert.

Die würdevoll wirkenden Webkunst-Ursprünge einer mittlerweile verdorbenen Globalindustrie erwecken Assoziationen zu ihren aktuellen Auswüchsen wie Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörung, Abholzung und Vermüllung, durch Plastik und Mischware.

 

© Ida-Marie Corell


Es mag zum Teil zur Zeit sehr aussichtslos aussehen, doch während die Bedrohungen uns über den Kopf zu wachsen scheinen, wächst auch das Bewusstsein über die Ursprünge und Lösungen aktueller Krisen.

Eine Lösung ist es den sichtbaren und vor allem unsichtbaren Vernetzungen und Verschränkungen eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken: wie altes Wissen in den modernen Alltag zu integrieren, den Kontext der Kunst von seiner aktuellen Gefangenschaft lebloser Zahlenakrobatik zu befreien, die Natur nicht nur als Ressourcen-Vorratskammer und aktuelle Krisen als Resultate kolonialer, patriarchaler Unterdrückungsstrukturen zu verstehen.

Eine Vernetzung der besonderen Art ist das Beziehungsgeflecht zwischen Kunst und Land in den niederösterreichischen Vierteln. Hier scheinen sich Kunst, Kultur und Land doch so sehr zu ähneln, dass sie wie Myzel miteinander verschmelzen.

 

© Ida-Marie Corell

Wie die Pilze, die sichtbaren Früchte der Mykorrhiza (altgr.: μύκης mýkēs ‚Pilzund ίζα rhiza ‚Wurzel’) das unterirdische Wurzel-Nährnetzwerk zwischen Baum und Pilz, sind Kunst und Kultur in Niederösterreich überall sicht- und vor allem spürbar, so sehr, dass es sich lohnt eine neue Wortkombination aus Kultur und Wurzel *Kulturrhiza* zu kreieren.

 

Ida-Marie Corell
www.idamariecorell.com


Die kuratorische Installation zeigt künstlerische Beiträge von: Francesca Aldegani, Hanna Burkart, Ida-Marie Corell, Brigitte Corell, Daniel Egg, Waldviertler Pilzgarten, Günther Gross, Raphael Grotthuss, Papierwerk Glockenbach, Benedikt von Loebell, Merlin Sheldrake, Rupert Sheldrake

Fotocredit „Portrait Ida-Marie Corell im Garten“: © Brigitte Corell

Kulturrhiza: VVV – Verwoben, Verbunden, Vernetzt #1

Mai 24, 2022