Seit 25 Jahren leitet Josef Schick die Kulturvernetzung Niederösterreich, die er auch mitbegründet hat. Über die Anfänge in einem Weinviertler Stadl und die Schwierigkeiten für Kunst- und Kulturschaffende seit Corona hat er mit dem “Galerien Thayaland Kunstmagazin” gesprochen.

Was heißt es, ehrenamtlich im Kulturbereich tätig sein? Auf diese Frage hat Josef Schick eine klare Antwort: “Die einen kommen nach der Arbeit nach Hause, setzen sich vor den Fernseher, gehen Fussball spielen, machen am Wochenende Ausflüge mit der Familie, oder was auch immer ihnen einfällt. Für Menschen, die ehrenamtlich arbeiten, fängt nach ihrem Job die Arbeit erst an. Sie verbringen viele Abende und Wochenenden damit, um (unter anderem) Kunst und Kultur in ihr Dorf, ihre Region, ihren Bezirk zu bringen. Einfach weil es ihnen wichtig ist.”

Josef Schick weiß, wovon er spricht. Im Jahr 1992, lange bevor er Leiter der Kulturvernetzung Niederösterreich wurde, hat er mit Freunden ein Musikfest organisiert. “Stodl Air” hat es geheißen, stattgefunden hat es in der der alten Meierei von Eibesthal, einem kleinen Dorf nahe Mistelbach, im Weinviertel. “Ein dreiviertel Jahr haben wir das Stodl Air mit sehr viel Arbeitseitsatz vorbereitet, an einem einzigen Nachmittag und Abend sind dreizehn Bands aus dem Weinviertel aufgetreten. Die gesamte Organisation, die damit verbunden war, war für uns jedoch völlig neu. Von vielem hatten wir wenig Ahnung. Das Fest hat sehr gut funktioniert, aber wir hatten uns am Ende so zerstritten, dass wir ein Jahr lang nicht miteinander geredet haben”, erinnert sich Josef Schick.

Mit 1.300 Besucherinnen und Besuchern war das Musikfest ein voller Erfolg, für Josef Schick aber auch die Initialzündung dafür, dass es in Niederösterreich jemanden brauche, der für Kunst- und Kulturprojekte Ansprechpartner ist. Er hat mit Freunden also ein Konzept für eine “Kulturvernetzungsstelle Weinviertel” niedergeschrieben und mit dem Land Niederösterreich Verhandlungen über die Finanzierung aufgenommen. Zwei Jahre später, am 1. September 1996, hat die “Kulturvernetzungsstelle Weinviertel” schließlich begonnen: mit Josef Schick als Ein-Mann-Betrieb in einem kleinen Büro in Mistelbach. “Ich bin bis heute dankbar dafür, dass wir genauso begonnen haben wie jede andere der vielen Kulturinitiativen, die seither durch unsere Türen gekommen sind”, meint Josef Schick. “Ein Beispiel: einer meiner Mitstreiter war Lehrer, seine Schule hat aussortiert. Im ersten Jahr war dann mein Bürosessel ein Möbelstück, das die Schule für den Sperrmüll freigegeben hatte. Aber für mich war es dennoch eine große Hilfe.”

 

Heute hat die “Kulturvernetzung” 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an insgesamt vier Standorten – in jedem Viertel Niederösterreichs einen – und betreut die Kunst- und Kulturszene des Landes mit vielen Beratungsleistungen und zahlreichen weiteren kostenlosen Angeboten.

Begonnen hat die “Kulturvernetzung Niederösterreich” als reine Service- und Beratungsstelle. “Wir haben alles notwendige Knowhow für ehrenamtliche Kulturinitiativen gebündelt und angeboten. Und zwar kostenlos. Und das hat sich bis heute nicht geändert” Bei der Beratung geht es nicht nur um Finanzielles: “Wir informieren natürlich über Finanzierungsmöglichkeiten, die formalen Voraussetzungen, welche Unterlagen für eine rasche Entscheidung nötig sind. Wir wissen, wo unterschiedliche Inhalte Unterstützung finden können”, so Josef Schick, “Es geht aber natürlich um viel mehr, etwa um Vereinsrecht, den Umgang mit Behörden wie zB dem Finanzamt, Rechtsberatung, Generationenwechsel, um die Lösung von Konflikten in der ehrenamtlichen Arbeit, um nur einige Themen anzureissen. Darüber hinaus haben wir eine Reihe von Werkzeugen entwickelt, die sehr einfach und pragmatisch gebaut sind und in der täglichen Arbeit nützlich sind: zum Beispiel eine Versicherung, die Vereinsfunktionäre bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit schützt, ein sehr gutes Online Ticketing, ein Buchhaltungsprogramm, einen einfachen Zugang zu einer professionellen Medienbeobachtung und vieles mehr. Wer als Mitglied alle unsere Angebote nutzt, kann sich locker bis zu 2.000 Euro im Jahr sparen. Und damit wird unsere immaterielle Förderung auch materiell interessant.”

 

Von Beginn an war das Interesse groß und die Mitgliederzahlen stiegen. Unter den aktuell mehr als 2.000 Mitgliedern finden sich Künstler/Künstlerinnen und Kulturvereine ebenso wie Organisationen und auch zahlreiche Gemeinden. Das Angebot ist längst über den Bereich Service und Beratung hinausgewachsen. Ein wichtiger Eckpfeiler sind Veranstaltungen wie das “Viertelfestival Niederösterreich”, das – wie der Name verrät – jedes Jahr in einem anderen Landesviertel stattfindet.

“Das Viertelfestival bildet die Leistungsfähigkeit des regionalen Kunst- und Kulturgeschehens sehr gut ab”, meint Josef Schick, “und wir halten es so offen wie möglich: von den bekannten Sparten Musik, Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Literatur, Performance, Kunst im öffentlichen Raum, jeder Form von spartenübergreifenden Ansätzen bis zu soziokulturellen oder zeitgeschichtlichen Projekten – und allem, was dazwischen liegen mag.” Auch heuer sollen wieder rund 60 Projekte umgesetzt werden. Coronabedingt wurde die Festivaldauer von ursprünglich August auf Oktober verlängert. Der Beginn im Mai bleibt mit Stand heute unverändert. “Mit dem Viertelfestival Machen wir das kleine, das nicht so laute, das regionale sichtbarer. Wir haben gezielt kein internationales Kunstfestival aufgesetzt, das in die Regionen geht, sondern wir zeigen, was die Regionen selbst künstlerisch und kulturell zu leisten imstande sind. Und das ist wahrlich beeindruckend.”

 

 

Ein zweiter Fixpunkt sind die “NÖ Tage der Offenen Ateliers”. Auf der Homepage der “Kulturvernetzung” steht dazu zu lesen: “Jeweils ein Wochenende lang erlauben bildende Künstlerinnen und Künstler, Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker persönliche und individuelle Einblicke in ihre Ateliers, Galerien, Studios und Werkstätten. Malerei, Grafik, Bildhauerei und Fotografie stehen dabei ebenso im Rampenlicht wie Film, Modedesign, Textil-, Schmuck- und Schmiedekunst.”

“Wir sehen die offenen Ateliers als Leistungssschau der Bildenden Kunst in Niederösterreich und als großes Kunstvermittlungsprogramm”, erklärt Josef Schick. “Es geht darum, die kunstintererssierten Menschen in unserem Bundesland zu erreichen, aber auch bei anderen Berührungsängste abzubauen, die es im Kontext von Kunst und Kultur noch immer gibt, also neues Publikum für Kunst zu interessieren. Wir wollen, dass die Leute hinausgehen in ihr Dorf, ihre Region, und entdecken können, was ihre Freunde, Nachbarn und Bekannten künstlerisch machen. Deshalb sind die NÖ Tage der Offenen Ateliers auch inhaltlich völlig offen. Wir zeigen her, was da ist. Und die Leute entscheiden selbst, was ihnen gefällt. Meiner Meinung nach hat das Publikum ohnehin immer recht. Entscheidend ist doch, den Unterschied zu verstehen zwischen einem industriell hergestellten Kunstdruck und einem Original, das von einer künstlerisch denkenden und fühlenden Person gemacht wurde. Ansonsten liegt auch in der Kunst die Schönheit im Auge des Betrachters/der Betracherin.”

 

 

Schwierig und herausfordernd sei das vergangene Jahr gewesen. Die Corona-Pandemie habe zahlreiche Projekte vorerst auf Eis gelegt und die ehrenamtliche Kulturarbeit zum Stillstand gebracht. Gleichzeitig waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kulturvernetzung Niederösterreich vor große Herausforderungen gestellt. “Wir versuchen seit mittlerweile einem Jahr, die Kulturszene mit allen ihren Akteuren durch diese Zeit zu begleiten und zu unterstützen, damit wir alle sobald das möglich ist wieder durchstarten können”, meint Josef Schick, “wir haben deshalb im vergangenen Frühling damit begonnen, aktiv auf die Leute und die Vereine zuzugehen, haben sie kontaktiert, haben beraten und informiert und in Notfällen Hilfe organisiert. Dabei haben wir eng mit der Abteilung für Kunst und Kultur des Landes Niederösterreich zusammengearbeitet. Ich glaube dass wir im Bereich der zeitgenössischen Kunst und Kultur bisher gut über die Runden gekommen sind, und zwar vor allem deshalb, weil die Kulturabteilung und die zuständige Kulturreferentin LHF Johanna Mikl-Leitner sehr pragmatisch Hilfe organisiert haben. Dass wir jetzt schon seit einem Jahr in dieser Situation sind und ein Ende bestenfalls sehr vage in Sicht ist, macht es natürlich finanziell und mental nicht einfacher”.

 

 

Auch die eigenen Projekte musste die “Kulturvernetzung” den Gegebenheiten anpassen. Die NÖ Tage der Offenen Ateliers fielen im letzten Oktober in ein Zeitfenster, das eine Durchführung ermöglicht hat, wie auch von den allermeisten beteiligten Künstlerinnen und Künstlern ausdrücklich gewünscht. Schon zwei Wochen später wäre das nicht möglich gewesen. Und das im Vorjahr geplante “Viertelfestival Mostviertel” wurde auf heuer verschoben. Eine Eröffnungsgala mit hunderten BesucherInnen wie sonst üblich wird es nicht geben. Viele der mehr als 60 Projekte finden im Freien statt, oft an ungewöhnlichen Orten, oder sind so konzipiert, dass sie auch von kleinen Personengruppen besucht werden können. In Zeiten von Corona sei diese Präsentationsform ein Segen, so Josef Schick. “Was aber ab Mitte Mai tatsächlich möglich sein wird, weiß heute keiner.”

www.kulturvernetzung.at

www.viertelfestival-noe.at

Portraitfoto: © Christian Müller
alle anderen Fotos: © Kulturvernetzung Niederösterreich

Josef Schick: „Das Publikum hat immer recht“

Apr 23, 2021