Ein nachbarschaftlicher Besuch in Tschechien

 

Nur eine halbe Stunde nördlich der Waldviertler Grenze liegt die südböhmische Stadt Jindřichův Hradec (deutsch: Neuhaus) in Tschechien. Hier leben rund 22.000 Menschen in flacher, waldreicher Landschaft, umgeben von zahlreichen Seen und Flüssen. Der historische Stadtkern wiederum, hat an jeder Hausecke eine neue Sehenswürdigkeit zu bieten:

Das Schloss Jindřichův Hradec (hier gilt die wörtliche Übersetzung “Heinrichsburg”) ist das drittgrößte Schloss Tschechiens und hat eine – vor allem in architektonischer Hinsichtbewegte Geschichte hinter sich. Erbaut im Mittelalter als gotischer Bergfried, wurde es im 16. Jahrhundert in ein Renaissance-Schloss verwandelt, inklusive romantischem Rondell, verträumten Arkaden, prunkvollen Gewölben und vergoldeten Reliefdekorationen. Und wieder einhundert Jahre später kamen barocke Erweiterungen, wie der üppig gestaltete Innenhof, dazu. Seit 1993 ist das Schloss generalsaniert und öffentlich zugänglich.

Direkt neben dem Schloss befand sich früher eine Bierbrauerei. Heute ist in dem Gebäude das “Gobelinhaus” untergebraucht, das sich mit der textilen Vergangenheit und Gegenwart der Stadt beschäftigt und wo noch heute alte Gobelins restauriert werden.

Auch ein großer Teich befindet sich im Zentrum von Jindřichův Hradec. Geht man vom Schloss aus ein wenig seinen Ufern entlang und von dort in den Stadtkern hinein, steht man bald vor der Maria-Himmelfahrt-Kirche (erbaut 1360). In der Kirche kann man die größte mechanische Weihnachtskrippe der Welt bewundern. Geschnitzt von Tomáš Krýza (1838–1918) über einen Zeitraum von 60 Jahren, stellt sie auf ihren 60 Quadratmetern eine schier endlose Zahl winterlicher Szenen dar und wird noch immer mithilfe der Original-Mechanik betrieben. Die Weihnachtsgrippe von Jindřichův Hradec steht mittlerweile im Guinnes-Buch der Rekorde.

Nicht unweit der Kirche ist am Boden der Kopfsteinpflaster-Strasse der 15. Meridian Ost markiert – nur leider nicht ganz korrekt. BesitzerInnen eines Handys mit GPS-Funktion können leicht feststellen, dass sich der 15. Meridian Ost eigentlich 100 Meter weiter westlich befindet. Erfreulich ist das exakte Balancieren auf dem Gradnetz unserer Erde aber in jedem Fall.

Und von hier ist es auch nur noch ein Sprung ins “Museum für Fotografie und moderne Bildmedien”.

Das “Museum für Fotografie” ist das jüngste der Stadt (seit 2012 wird es von der Stadt betrieben) und gleichzeitig das mit dem größten Anspruch auf zeitgenössisches Kunstschaffen. Beheimatet im ehemaligen Jesuitenkolleg (erbaut 1594) zeigt das Museum auf zwei Stockwerken und in 14 Ausstellungen pro Jahr viel Wissenswertes und Innovatives aus dem Gebiet der Fotografie.

Im Erdgeschoss ist die Dauerausstellung “Macht der Medien” untergebracht. Ein auf Deutsch etwas missverständlicher Titel, denn das tschechische Original “Moc médií” ist eigentlich ein Wortspiel: “Moc” bedeutet sowohl “Macht”, als auch “sehr viel”. Und so geht es in der Dauerausstellung vor allem um die große Vielfalt und die vielfältigen Möglichkeiten heutiger und früherer Medienformate. So sind im ersten Raum historische Fotoapparate (aus der Sammlung des technischen Museums in Prag) ausgestellt, deren Funktionsweise anhand kurzer Videos erklärt wird. Ausserdem geht es hier um Portrait-Fotografie: von ihrer Entwicklung in den vergangenen einhundert Jahren bis zur Möglichkeit moderner Bildmanipulation. Der zweite Raum begibt sich – “bildlich” gesprochen – ins Freie. Das Fotografieren in der Natur steht hier im Mittelpunkt. Wobei Landschaftsfotografie sowohl den romantischen Blick auf die Tier- und Pflanzenwelt bedeuten kann, wie auch kriegsfotografisches Dokumentieren. Und dann fangen die Bilder an, sich zu bewegen. Der dritte Raum stellt ein historisches Stummfilm-Kino nach und tritt den Beweis an, dass Stummfilm gar nicht so lautlos war, wie oft angenommen. Mit historischer Apparatur zur Filmherstellung schließt die Daueraustellung. In den kommenden Jahren soll sie um die Bereiche “Fernsehen” und “Digitiale Medien” erweitert werden.

Der erste Stock des “Museums für Fotografie” ist den temporären Ausstellungen gewidmet. (Foto)Historisch wichtige Stationen und Strömungen Tschechiens werden hier ebenso präsentiert wie zeitgenössische Foto-KünstlerInnen. 2018 zählte dazu eine Jubiläums-Ausstellung zum historischen Jahres “1918” sowie eine Retrospektive des wohl bekanntesten tschechischen Fotojournalisten Karel Hájek (1900-1978). Hájek war als einziger Fotograf bei den Nürnberger Prozessen gegen die Kriegsverbrecher des Nazionalsozialismus zugelassen und hat dort einzigartiges Fotomaterial erstellt.

Dieses Jahr steht im “Museum für Fotografie” alles im Zeichen der neuen, digitalen Medien. Begonnen wird mit einer grenzüberschreitenden Ausstellung tschechischer und österreichischer KünstlerInnen (kuratiert vom tschechichen Foto-Künstler Jiří Tiller und dem österreichischen Foto-Künstler subhash): Im Zeitalter der umfassenden Programmiertheit wird die Frage nach Freiheit neu gestellt – durch das Spielen gegen die Programme. Dieser Idee des gebürtigen Pragers Vilém Flussers folgend zeigt „Unvorhergesehene Information/Nepředvídaná informace” Fotografie, die die (digitale) Fotoindustrie vermutlich nicht beabsichtigt und ihre Werbeagenturen nicht bedacht haben. Die Gruppenausstellung wird Arbeiten der jeweiligen KünstlerInnen sowohl im “Museum für Fotografie” in Jindřichův Hradec, wie auch in der Galerie der Kunstfabrik Groß Siegharts präsentieren. Und im Sommer 2019 werden sich zwei Ausstellungen von Studierenden der Prager Kunst-Universitäten dem Thema “Digitale Medien und neue filmische Formen” annehmen.

Ein Ausflug über die Grenze lohnt sich also allemal.

©Jiri Tiller

Nähere Informationen unter:
www.mfmom.cz

Muzeum fotografie a moderních obrazových médií
Museum für Fotografie und moderne Bildmedien
Jesuitenkolleg, Kostelní 20
377 01 Jindřichův Hradec, Tschechien

Öffnungszeiten:
April bis Juni und September bis Dezember:
Dienstag bis Sonntag: 10.00–12.30, 13.00–17.00 Uhr
Im Sommer (Juli und August): täglich 10.00–12.30, 13.00–17.00 Uhr

Jindřichův Hradec: Foto-Kunst jenseits der Grenze

Mrz 18, 2019