In einer aufgelassenen Kosmetikfabrik aus dem vorigen Jahrhundert, gelegen im pulsierenden siebten Bezirk von Wien, befinden sich Atelier und Wohnraum von Jakob Gasteiger. Die ehemalige Fabrikshalle ist noch in den hohen Räumen spürbar, die Stahlkonstruktionen des Gebäudes spiegeln sich in Gasteigers Vorliebe für Industriemöbel wieder und die riesigen Fenster lassen den ganzen Tag über ausreichend Sonnenlicht auf die monochrom-skulpturalen Bilder des Künstlers wandern. Jakob Gasteiger ist gerade mit neuen Arbeiten beschäftigt. Einige Bilder liegen auf dem Boden, in gelb, in rot, in grün, und sind schon fast trocken. Das Atelier wirkt aufgeräumt und alles wie an seinem Platz. Gleich neben dem Atelierteil befindet sich die Küche aus blankem Stahl und von dort geht es weiter in einen einladenden Sitzbereich im minimalistischen Industrie-Design des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die erste Frage drängt sich da natürlich auf:

 

Galerien Thayaland: Sind Ruhe und Aufgeräumtheit für dich wesentlicher Bestandteil, um eine gute Arbeitsatmosphäre zu schaffen?

 

Jakob Gasteiger: Nicht Ruhe und Aufgeräumtheit. Aber weil es hier keine Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsbereich gibt, ist Übersicht notwendig. Anders ist das in meinem zweiten Atelier im Weinviertel in Niederösterreich, dort ist das Atelier in einem separaten Gebäude. Der Boden im Arbeitsbereich in Wien ist jetzt mit einer Plane abgedeckt und es liegen und stehen Farben und Leinwände herum. Ich beschäftige mich jeden Tag allgemein mit Kunst, und mit meiner Kunst, aber das bedeutet nicht, dass ich jeden Tag Farbe an den Händen habe. Nachdem ich ein, zwei Wochen lang gearbeitet habe, suche ich Distanz zu den Werken. Es beginnt eine Zeit von Zusammenfassen und Katalogisieren, von Überlegungen zu meiner Kunst und meinen Arbeiten, die fotografiert, archiviert oder zu Ausstellungen geschickt werden.

 

Galerien Thayaland: Wie entsteht für dich ein Bild. Welche Prozesse müssen eingetreten sein, bevor du sagst: jetzt fange ich wieder an zu arbeiten?

 

Jakob Gasteiger: Es ist leichter zu sagen, wann ich auföre: ich brauche immer auch Zeit zu reflektieren. Es gibt dann die Möglichkeit, an einem anderen Blickpunkt wieder anzusetzen und von dort die Arbeit weiterzuführen.

 

 

Galerien Thayaland: Diese Überlegungsphase, dreht sich die dann um das Material, um das Format, um ein Thema?

 

Jakob Gasteiger: Alles zusammen. Meine Arbeit verändert sich in kleinen Schritten. Ich habe nicht bei jedem Bild die Intention nach einer neuen Erfindung. Ich arbeite in Serien, so kann ich Bilder perfektionieren und ich arbeite an einem Konzept, dem ich bei jedem neuen Werk folge. Dadurch, dass ich mich verändere, verändert sich auch meine Arbeit. Das ist mein Weg, ein Prozess aus Vorstellung und Konzept.

 

Galerien Thayaland: Es ist jetzt vielleicht eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist, aber wie würdest du dein Konzept beschreiben?

 

Jakob Gasteiger: Es sind z.B. Untersuchungen, was die Parameter von Malerei sind. Bildträger, Farbauftrag, Farbe als Material, Buntheit, Farbe als Bedeutungsträger oder Bedeutungsinhalt. Ich schaffe meist monochrome Bilder aus einer Substanz, die eine bestimmte Farbigkeit hat. Ich verwende Material als Farbe und ich erzähle mit meinen Bildern keine Geschichten. Ich beschäftige mich auch mit Fragen wo Malerei endet und wann Skulptur beginnt. Wann wird ein Bild zum Objekt, zum Bildobjekt? Das sind Impulse für meine Arbeit. Diese Fragen sind nicht wörtlich zu verstehen, denn 30 Jahre dieselben Fragen zu stellen, wäre unsinnig. Es ist vielmehr ein Klima, eine Grundlage. Ich habe das damit verglichen, wenn ich jeden Tag dieselbe Speise esse, erübrigt es sich darüber nachzudenken, was ich kochen soll – was ich natürlich auch nicht mache. Das hat nichts mit Bequemlichkeit oder Fatalismus zu tun, sondern es ist ein von mir definiertes Gebiet, in dem ich mich bewege.

 

Galerien Thayaland: Wenn wir bei der Analogie mit der immer gleichen Speise bleiben – was sind für dich die Materialien, die zu deiner Grundstruktur zählen, die du aber dennoch immer weiter entwickelst?

 

Jakob Gasteiger: Ich habe mit Asche und Schmutz experimentiert, nicht mit Pigmenten aus der Farbenhandlung. Ich habe analysiert, was ein Material als Farbe bedeuten kann. Was ist der Sinngehalt im Kontext von Analytischer Malerei, wenn ich Pulver aus Glas, Aluminium, Kupfer oder Eisen zu Farbe verarbeite? Hier werden Werkstoffe aus dem skulpturalen Bereich verwendet.

 

Galerien Thayaland: Wenn du dein Material einmal festgelegt hast, wie konkret planst du dann das Bild selbst. Oder arbeitest du auch mit dem Element des Zufalls?

 

Jakob Gasteiger: Zufall, was auch immer das ist, vermeide ich, aber es geschieht Unerwartetes. Die Arbeit an einem Bild ist ein Dialog zwischen dem, was ich will und dem, was mich will. Wenn ich experimentiere gibt es Resultate, die nicht den Vorstellungen entsprechen. Es gibt Bilder, mit denen ich scheitern werde. Das sind wichtige Erfahrungen. Scheitere nächstes mal besser. Es ist immer wieder eine Konfrontation.

 

Galerien Thayaland: Was inspiriert dich?

 

Jakob Gasteiger: Die Arbeit. Ich bin nicht stimmungsabhängig, ich male nicht mit hellen Farben, wenn es mir gut geht. Ich beabsichtige bestimmte Bilder zu machen und diese Absicht muss zu einem überzeugenden Resultat führen.

 

 

Galerien Thayaland: Das Konzept hat sich in den vergangenen 30 Jahren aber sicher auch verändert. Gibt es Punkte, an denen du dich jetzt befindest, mit denen du selbst nicht gerechnet hättest?

 

Jakob Gasteiger: Unterschiedliche Ansätze waren immer Teil meiner Arbeit und Vergleiche mit älteren Werken zeigen einen Entwicklungsprozess. Ein Markenzeichen sind meine strukturierten Bilder. Es gibt aber auch Arbeiten mit aufgeklebtem Papier mit Lack auf Leinwand und Aluminiumgüsse.

 

Galerien Thayaland: Deine Arbeiten mit Papier wirken leicht und filigran, während die Aluminiumgüsse das genaue Gegenteil darstellen und auch physisch schwer sind. Spannen diese Arbeiten für dich einen Bogen? Stellst du sie gemeinsam aus?

 

Jakob Gasteiger: Sie beziehen sich aufeinander. Die Arbeiten mit Papier erweitern die Grenze von Grafik und Malerei und die Arbeiten mit dem Farbmaterial befragen die Grenze von Malerei und Skultpur. Die Aluminiumgüsse verbinden beides. Sie entstehen durch das Ausgiessen von flüssigem, geschmolzenen Aluminium in Wasser. Ein Übergang von einem Aggregatzustand in einen anderen. Konventionelle Begriffe der Bildhauerei definieren bei Plastik Materialzugabe und bei Skulptur das Entfernen von Material. Beides trifft auf meine Güsse nicht zu. Das Verfahren ist einem malerischen Prozess näher und es gibt bei vielen Ausstellungen Dialoge meiner Werkgruppen.

 

Galerien Thayaland: Deine Befragung des Materials, aber auch diese Fragestellung an bestimmte Gattungen der Kunst an sich – denkst du, du wirst je zu einer Antwort kommen?

 

Jakob Gasteiger: Es ist nicht notwendig, eine Antwort zu finden und es ist nicht möglich, zu präzisieren was die Botschaft von Kunst ist. Fragen, die mit Kunst zu tun haben, können nur unzureichend beantwortet werden. Ein Medium kann nicht mit einem anderen erklärt werden. Malerei oder Musik kann mit Sprache nur beschrieben, nicht erklärt werden. Jeder Versuch einer Erklärung ist immer nur der Versuch einer Annäherung und eine Umschreibung mit sprachlichen Mitteln, so wie dieses Gespräch.

 

Das Gespräch führte Dominique Gromes
Fotos von Attila Boa

Jakob Gasteiger: “Der Wechsel zwischen dem, was ich will und dem, was mich will.“

Mrz 18, 2019