Über die Bedeutung von Kunst für eine Gesellschaft und die Wichtigkeit des Nichtstuns für jeden einzelnen diskutiert ein engagiertes Ausstellungsprojekt am Flussufer der Thaya.

“Gesellschaftlicher und politischer Wandel bringt immer auch den Stellenwert von Kunst ins Wanken”, ist Kuratorin Angelika Starkl überzeugt, “wir leben gerade in einer Zeit, in der sich die politischen Kernfragen um Arbeitsplätze, Migration und Klimawandel drehen. Da scheint die Wichtigkeit von Kunst in den Schatten zu treten, nicht aber die Diskussion über Kunst. Soll man Kunst heutzutage noch aus Steuergeldern finanzieren? Was macht die zeitgenössischen, experimentellen Arbeiten zur Kunst? Braucht man sie überhaupt? Oder ist Kunst “für die Fisch?” Starkl hat diese Fragen zum Ausgangspunkt ihres aktuellen Ausstellungsprojekts mit dem klingenden Titel “Für die Fisch” gemacht. Eine Gruppe junger KünstlerInnen weiß dabei durchaus spannende Antworten zu geben.

In der naturbelassenen Kulisse des Flussbades Thaya schwimmt das Kernstück des Projekts an der Wasseroberfläche. Die Kuratorin und Künstlerin Angelika Starkl lässt hier ein Aquarium treiben, das weder Wasser noch Fische enthält und auf den ersten Blick wie eine leere Hülle wirkt. “fürdiefisch” ist jedoch als Schriftzug in romantisierenden rosa Lettern hinter dem Glas des Aquariums zu lesen. Wer sich hier am Flussufer niederlässt, um dem Wellengang zuzusehen und die Gedanken schweifen zu lassen, wird von Starkls Installation auf den Boden der Realität zurückgeholt und mit der Frage nach den Möglichkeiten von Kunst auf den weiteren Ausstellungsweg geschickt.

Es dauert auch nicht lange, da wird am Flussufer eine weitere LandArt-Installation sichtbar. Es sind Birgit Weinstabl’s “Fliegende Fische” aus Porzellan, die von den Ästen eines Baumes baumeln. “Wobbler” werden sie in der Fachsprache der Fischer genannt: Kunststoff-Köder, die für den Raubfischfang verwendet werden. Weinstabl’s Köderfische aus Porzellan haben nun nicht das Wasser, sondern die blattreiche Baumkrone als ihr natürliches Habitat ausgewählt. Und sie sollen hier auch nicht andere Fische anlocken, sondern den neugierigen Blick der flanierenden Besucher einfangen. Kunst kann heißen: neue Perspektiven einzunehmen.

Wir spazieren weiter, in den Ort Thaya hinein, und kommen ans alten Selch-Haus beim Landgasthof Haidl. Die Spuren des jahrelangen nicht Nutzens und nicht Gebraucht werdens waren hier bis vor kurzem noch deutlich sichtbar: der verflieste Raum war von den früheren Räucher- und Selch-Arbeiten stark eingeschwärzt, die alten Gerätschaften hatten bereits zu rosten begonnen. Für die Gruppenausstellung wurde das Selch-Haus nun entrümpelt und renoviert. Das Projekt “Für die Fisch” hat Platz geschaffen für zeitgenössiche Kunst und neue Raumnutzungs-Möglichkeiten in Thaya erschlossen.

“Kleine Welt – Großer Platz” heißt die Serie von Fisch-Zeichnungen und -Objekten von Gernot Fischer-Kondratovitch. Der Künstler beschäftigt sich seit Jahren mit dem Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt. Dass der Mensch sein Dasein “auf dem Rücken der Natur” begründet, ist dabei zentrales Thema. Fischer-Kondratovitch weiß dieses Selbstständnis des Menschen jedoch geschickt in sein Gegenteil zu verkehren – indem er das Größenverhältnis auf den Kopf stellt. Nun sind es daumengroße Menschenfiguren, die auf dem Rücken der Fische versuchen, diese zu steuern. Die Natur jedoch hat hat ihren eigenen Willen.

“Bojna Polja” – Schlachtfelder – ist eine Rauminstallation der serbischen Künstlerin Jelena Micić, bestehend aus Kunststoffnetzen unterschiedlicher Eigenschaften und Farben. Im Alltag begegnen uns diese Netze, wenn sie für den Transport und Verkauf von Obst und Gemüse verwendet werden. Nach dem Gebrauch landen sie im Mülleimer – sowie im Lebensraum der Fische und Meerestiere, die sich in unserem Müll verfangen und daran zu Grunde gehen. Jelena Micić fügt die gesammelten Netze zu großflächigen Raumbildern zusammen. Die lichtdurchlässigen Farbwände, die auf den ersten Blick noch verspielt wirken – schränken nun die Bewegungsfreiheit der BesucherInnen ein.

Für seine Videoinstallation “Down by the River” hat sich Florian Lang mit der Kamera unter die Wasseroberfläche begeben. Die Filmbilder, die er von seinen Schnorchel-Gängen in der Donau mitgebracht hat, lassen den Grund des Flusses wahlweise wie immergrüne, saftige Weiden, wie eine vom Nebel umhüllte Landschaft oder wie einen unendlich utopischen Urwald erscheinen. In jedem Fall: diese Flusslandschaft verzaubert und entschleunigt, setzt die Fantasie in Gang und lädt zum Träumen ein. “Beim Nichtstun bleibt nichts ungemacht”, lautet ein altes, chinesisches Sprichwort. Und längst hat auch die westliche Wissenschaft nachgewiesen, dass “ins Narrenkastl schauen” oft förderlicher für neue Energien und kreative Impulse ist, als tagelanges (gestresstes) am Schreibtisch sitzen. Die Installation von Florian Lang – geräuschgedämpft und in Zeitlupe – lädt die BesucherInnen dazu ein, sich langsam hinabsinken zu lassen.

Danach geht es weiter in den Haidl-Keller. Unter dem Landgasthaus befindet sich ein unterirdisches Gangsystem, das bis zur Kirche von Thaya führt. Durch eine Beschädigung der Tankzisterne des Gasthauses wurden die Gänge im 19. Jahrhundert geflutet. Zwei Drittel stehen auch heute noch unter Wasser, das bis zum 75 cm tief sein kann. Wozu die unterirdischen Gänge genutzt wurden, ist nicht bekannt. Heute ist der Haidl-Keller für BesucherInnen erkundbar – und zwar mit einem kleinen Boot. Das Projekt „Für die Fisch“ nutzt die unterirdischen Gänge für die Klanginstallation von Marc Bruckner und Paul Dangl. Die beiden Musiker schlüpfen dabei mit ihren Instrumenten (Bruckner: Klarinette, Querflöte, Gitarre, Percussion; Dangl: Violine und Synth) in die Rolle von Fisch und Fischer. Was als idyllische Szenario beginnt – für den Fisch im Wasser, für den Fischer am Ufer – wird beim plötzlichen Zusammentreffen der beiden Protagonisten zu einem energiereichen Kampf. Wer der Jäger ist und wer der Gejagde ist dabei nicht so eindeutig, wie man meinen könnte.

Am Ende des Ausstellungs-Parcours angelangt ist eines jedoch mehr als klar geworden. Kunst wirft Fragen auf und lässt uns den Blickwinkel wechseln, Kunst ist gesellschaftskritisch und bezieht Stellung zu dringenden Themen unseres Alltags. Kunst kann aber auch unterhalten und uns eintauchen lassen in eine andere Welt. Kunst ist definitiv nicht “Für die Fisch”. Die Gruppenausstellung in Thaya wiederum ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

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Viertelfestival 2018: Ist Kunst für die Fisch?

Feb 3, 2018