In einem kleinen Ort in der Nähe von Retz steht am Ende des Dorfplatztes ein kleines unscheinbares Bauernhaus. Wenn man jedoch durch das grüne Tor tritt und sich im weiß getünchten Innenhof umsieht, merkt man sofort, dass hier keine Landwirtschaft mehr betrieben wird: die Steinmauern des großen Stadels sind auf zwei Seiten von hohen Glasfenstern durchbrochen. Und geben Einblick in das geräumige Atelier von Gabriele Schöne. Es gibt kaum Möbel, dafür ausreichend Platz für die Ölfarben und Leinwände. Es ist ein Ort der Konzentration und der Fokussierung.

 

Gabriele Schöne: Mein Atelier ist der Raum, den ich brauche, um zu arbeiten. Hier komme ich zur Ruhe. Das Atelier ist der Ort, an dem meine Ideen ihren Weg aus meinem Kopf auf die Leinwand finden. Aber es ist nicht der Ort, den ich zur Inspiration brauche. Meine Ideen, meine Themen, die finde ich – oder sie finden mich – überall, selbst beim Autofahren.

 

Atelier Gabriele Schöne           (© Frenzi Rigling)

 

Galerien Thayaland: Welche Themen sind es, die dich beschäftigen?

 

Gabriele Schöne: Eigentlich habe ich mich immer schon mit Gegensatzpaaren beschäftigt, lange ging es um Zwischen-Menschliches, um Mann – Frau. Was mich aktuell interessiert ist der Mensch auf der einen Seite und die Natur auf der anderen. Ich glaube, die Natur ist ohnehin mein Hauptthema. Weil man anhand einer sehr kleinen Sache in der Natur über das Große, Universelle sprechen kann.

 

Galerien Thayaland: Zum Beispiel?

 

Gabriele Schöne: Vor dreißig Jahren habe ich eine kleine, blaue Zwetschke geöffnet. Dieses weiche Fruchtfleisch, in dem ein harter Kern steckt – das hat mich fasziniert. Und seither – symbolisch gesprochen – öffne ich immer wieder Zwetschken und blicke in ihr Innerstes. Überhaupt verwende ich oft Früchte als Symbol für meine Geschichten. In meinen früheren Bildern ging es oft um erotische Momente. Da ist das Harte, das in etwas Weichem steckt, ein treffendes Bild. Aber auch in meinen Serien, in denen es um die Natur geht, und an denen ich seit 15 Jahren arbeite, kommen immer wieder Zwetschken, Melonen, Pfirsiche, Nüsse und viele andere Früchte in unterschiedlichster Form und in verschiedenen Kontexten vor.

 

„Show Me“ (© Gabriele Schöne)

 

Galerien Thayaland: Das interessante ist, dass du dich so lange mit Früchten beschäftigt hast, dass du sie irgendwann auch weglassen konntest. In einer Serie, die in den Jahren 2004/2005 entstanden ist, ist dort, wo auf der Leinwand die Früchte sein sollten, eine weiße Auslassung.

 

Gabriele Schöne: Das Spannende ist, dass durch dieses Wegnehmen ja auch was bleibt, nämlich die organische Form. Ich bezeichne das als “kontrollierte Freiheit”. Weil ich mir bei diesen Bildern auch erlaubt habe, dass die Farbe rinnt. Was wie zufällig aussieht, aber in Wirklichkeit sehr kontrolliert stattgefunden hat.

 

Galerien Thayaland: Das Kontrollierbare, das feste Regelwerk, ist auch Ausgangspunkt einer ganz anderen Serie von dir, nämlich in jeder der Tanzenden Paare.

 

Gabriele Schöne: Ich bin am Land aufgewachsen, meine Kindheit habe ich im nördlichen Niederösterreich verbracht, und da hat die Natur, aber auch die Tradition, die Feste im Jahreskreis, eine große Bedeutung gespielt. Und ich fand das schon immer faszinierend. Deshalb habe ich eine ganze Serie zum Thema “Volkstanz” gemacht. Weil genau das eine Tradition ist, bei der es nur ums Regelwerk geht. Wenn man sich beim Tanzen nicht an die Regeln hält, funktioniert es nicht. Für einen selbst nicht und für die anderen auch nicht. Was mich interessiert hat, ist: wie gehen Menschen damit um, was bedeutet es für sie, den Regeln zu folgen, und wie zeigen sie das. Als Künstlerin nehme ich mir dann für die Bilder die spannenden Momente heraus. Spannend auch im Sinne von formal und visuel spannend: die sich bewegenden Körper, die kreisenden Röcke.

 

Galerien Thayaland: Zu diesem Thema hast du auch einen Kurzfilm gemacht: “Where I come from”, im Jahr 2010.

 

Gabriele Schöne: Für den Film habe ich mit Volkstanzgruppen gedreht: zuerst beim Proben, dann beim Auftritt auf dem Volksfest. Geprobt haben die Frauen und Männer noch in ihrer Freizeitkleidung. Erst beim Auftritt haben sie dann ihre Trachten angezogen. Und erst durch die Dirndl bekommt der Volkstanz seinen offiziellen Charakter.

 

„Schau, Schau“ (© Gabriele Schöne)

 

Galerien Thayaland: Hast du deshalb den Dirndlstoff auch in deine Bilder übernommen?

 

Gabriele Schöne: Genau, in meiner “Volkstanz”-Serie im Jahr 2014 habe ich Dirndlstoff auf die Leinwand gespannt und dann mit Öl darauf gemalt. In Schablonen-Technik, also wieder nur die weißen Silhouetten. So liegt der Fokus wieder auf der Form. Die Dirndlstoffe habe ich übrigens von Gexi Tostmann bekommen, der bekannten Trachten-Unternehmerin. Ich habe ihr meine Bilder gezeigt und mein Konzept vorgestellt. Und sie war begeistert und hat nur gesagt: “Wieviel Stoff brauchen Sie?”. Von diesen Stoffresten zehre ich heute noch.

 

Galerien Thayaland: Wobei deine Beschäftigung mit den Themen “Land” und “Natur” überhaupt nicht zynisch ist. Du wirfst keinen zynischen Blick auf das Landleben, sondern eher einen liebevollen.

 

Gabriele Schöne: Die Bilder sind höchstens mal ein bißchen ironisch. In dem Sinn, dass sie zum Nachdenken anregen sollen. Zum Beispiel beschäftige ich mich in der Serie “Lost Nature” seit 2009 mit der Scheinidylle des Landlebens. Die Bilder zeigen, in der grünen Natur, die Tiere vom Land: die Kühe, die Gänse, die Schweine und die Ziegen. Wobei die Tiere wieder nur als weiße Auslassungen zu sehen sind. Denn: wir schauen diese Tiere zwar gerne an, wollen dann aber doch nicht so genau wissen, wie es ihnen wirklich geht und wofür sie da sind. Dass es nämlich Nutztiere sind, die für uns geschlachtet werden. Wie deren Alltag aussieht, wollen wir lieber nicht wissen. Aber wenn wir an Sonntagen spazieren gehen, in der “freien Natur”, dann sehen wir gerne die Kuh auf der bunten Blumenwiese stehen.

 

„Meet you at the Gate“ (© Gabriele Schöne)

 

Galerien Thayaland: Apropos Farben: Du schreckst nicht davor zurück, in deinen Bildern “knallbunt” zu sein.

 

Gabriele Schöne: Ich schaffe es einfach nicht, in nur einer Farbe zu denken. Geprägt hat mich da sicher mein Aufenthalt in Los Angeles, 1995 und 1996. Die Künstlerinnen und Künstler an der Westküste der USA hatten überhaupt keine Scheu davor, bunt zu sein. Während in Wien noch immer alles Grau und farblos sein musste. In Los Angeles hängt das natürlich auch mit dem Licht zusammen. Dort konnte man, bis auf ein paar Tage im Jahr, überhaupt nie ohne Sonnenbrille rausgehen.

 

Galerien Thayaland: Woran arbeitest du im Moment?

 

Gabriele Schöne: Gerade beschäftige ich mich wieder mit Früchten. Diesmal mit der Avocado, dem Granatapfel und der Cornellkirsche. Sie alle bringen eine lange myhtologische Geschichte mit. Und mit diesen Geschichten spiele ich in meinen Bildern, während ich die Früchte surrealistisch zerlege. Einige dieser neuen Bilder werde ich dann im Raum für Kunst im Lindenhof präsentieren.

 

„Persephone“ (© Gabriele Schöne)

 

 

Das Interview führte Dominique Gromes

 

Gabriele Schöne (*1961 in Mistelbach/Zaya, Niederösterreich)

studierte von 1980 bis 1987 an der Universität für angewandte Kunst in Wien bei Bazon Brock und Peter Weibel. 1985 erhielt sie ein Auslandsstipendium für Malerei in Rom und 2001 ein Stipendium in Palliano, Italien. Von 1995 bis 1996 folgte ein Auslandsaufenthalt in Los Angeles, wo sie auch mehrmals ausgestellt hat. 1999 war Gabriele Schöne Gastprofessorin in der Freien Klasse an der Universität für angewandte Kunst in Wien.
Seit 1984 rege Ausstellungstätigkeit.

www.gabrieleschoene.art

Titelbild: © Alois Mosbacher

Gabriele Schöne: “Ich schaffe es nicht, in nur einer Farbe zu denken”

Mai 3, 2022