Hubert Lobnig über den Baum als politisches Subjekt, das Leben auf dem Land und die Initialzündung für sein Künstler-Dasein.

 

Galerien Thayaland: Die Serie, an der du gerade arbeitest, und die auch im Raum für Kunst im Lindenhof zu sehen sein wird, stellt Bäume ins Zentrum deiner Bilder. Worum geht es dir dabei?

Hubert Lobnig: Ich habe vor ein paar Jahren begonnen, mich mit Baum-Besetzungen zu beschäftigen. In Österreich haben Baum-Besetzungen als Mittel des Protests und als Ausdruck von zivilem Ungehorsam leider keine Tradition. Aber in den USA hat sich eine junge Aktivistin Julia „Butterfly“ Hill – in den 1990er Jahren zwei etwa 4 m² große Plattformen in den Ästen des Baumes gebaut und dort 738 Tage, 24 Stunden am Tag gelebt, um die Abholzung des gesamten Waldstücks zu verhindern. Das war eine sehr emotionale Geschichte, weil die Küstenmammutbäume über 500 Jahre alt waren, und einfach abgeholzt werden sollten. Ein Teil des Waldes konnte durch ihre Baum-Besetzung dann tatsächlich gerettet werden.

In den letzten Jahren gab es auch in Deutschland oder England immer wieder Baumbesetzungen, wenn etwa in Städten Parkbäume gefällt werden sollten, damit Wohnhäuser entstehen können. Oder als im Hambacher Forst bei Hamburg das Abbaugebiet für ein Kohlekraftwerk erweitert werden sollte, und dafür das letzte Stück Wald der Region, rund 400 Bäume, hätte sterben müssen. Da haben sich wahnsinnig viele Leute auf die Bäume raufgesetzt und das verhindert.

Bei diesen Besetzungen gibt es dann immer auch großartige Konstruktionen in den Bäumen. Improvisierte Behausungen, Plattformen, auf denen sich die Menschen aufhalten und Stege aus Seilen und Brettern, die die einzelnen Bäume miteinander verbinden. Mit diesen – oft sehr fragilen – Konstruktionen möchte ich mich unter anderem malerisch beschäftigen.

 

 

Zugleich ist das Thema “Baum” und Wald ja auch eines ist, das sehr gut ins Waldviertel passt.

Genau, und dass ist auch der zweite Aspekt, der mich interessiert. Wir haben in der Nähe von Horn ein Haus mit kleinem Atelier, das an ein acht Kilometer langes Waldstück grenzt. Als wir vergangenen Sommer dort verbracht haben, war das einzige Geräusch, das zu hören war, das der Motorsägen. Und dazwischen die Rufe der Waldarbeiter. Da ging es natürlich um den “Käferbaum”, also darum, dem Borkenkäfer in der Fichte den Garaus zu machen. Mir hat das sehr weh getan, als tausende Bäume gefällt wurden. Zum einen, weil wir in der grünen Lunge oft spazieren gegangen sind. Und andererseits: weil der Baum für viele nicht anderes ist als ein Objekt, verdinglicht wie die Tiere, etwas seelenloses, etwas, das kein Wesen besitzt oder kein Wesen ist. So kann man leicht eine 200 Jahre alte Linde in einer halben Stunde fällen. Und dann wird nicht einmal ein Sessel daraus, was ja noch schön wäre, wenn der Baum ein zweites Leben als Möbelstück erhält. Aber das Holz wird gleich zu Pellets verarbeitet und ab in den Ofen.

Und das ganze noch dazu im Waldviertel, das ja so heißt, weil es einmal der am längsten erhaltene Urwald in Österreich war. Davon ist jetzt nicht mehr viel übrig. Also mal sehen, ob das Waldviertel nicht auch mal umbenannt werden muss …

 

Ist für dich dieser Zusammenhang zwischen dem Ausstellungsort – also in diesem Fall dem Waldviertel – und dem Thema deiner Arbeiten – die Bäume – wichtig in der Vorbereitung auf eine Ausstellung? Und vielleicht sogar eine Inspirationsquelle?

Auf jeden Fall. Letztes Jahr, zum Beispiel, haben Iris Andraschek und ich eine gemeinsame Ausstellung in Klagenfurt gemacht und die war extrem stark von der Tatsache beeinflusst, dass die Räume im Museum Moderner Kunst Kärnten, in denen wir ausgestellt haben, zwischen 1942 und 1945 Teil des Gestapo-Hauptquartiers waren. Und so wurde das zu einem Grundthema, das unsere dort ausgestellten Arbeiten sehr beeinflusst hat.

 

 

Deine Bilder sind somit auch eine Art Wertschätzung dem Subjekt Baum gegenüber. Wie darf man sich da deinen konkreten Arbeitsprozess vorstellen?

Einen Baum zu malen ist etwas sehr meditatives. Es ist eine schöne Beschäftigung, sich jeden Tag weiter vorzutasten, von Ast zu Ast sozusagen. Im Frühling kann ich dann auch wieder draußen arbeiten. Das habe ich schon im letzten Jahr gemacht. Da habe ich ein sechs mal sechs großes Zelt in unserem Garten aufgestellt, um vor der Hitze und dem Regen geschützt zu sein, und im Schatten unter den weißen Planen arbeiten zu können. Und das hat sich dann als fantastisches Glück herausgestellt, weil so die Schattenwürfe des Baumes, der einzelnen Äste, auf der Zeltplane zur Hauptinspiration für meine Bilder geworden sind.

 

Speziell ist dabei die Farbe, die du auf die Leinwand aufträgst. Es ist ein ganz spezielles Silber.

Mir geht es nie rein um das Dargestellte, sondern immer auch um die Materialität der Bilder. Das besondere an der Silberfarbe ist ihre Rückreflexion, eine Art ephemere Spiegelung. Ich versuche damit Bilder zu erzeugen, die nicht stabil sind. Das oberste Anliegen der Malerei ist es ja, etwas Stabiles zu erzeugen. Das möchte ich brechen. Die Bilder erhalten durch die silbrige Farbe eine leichte Bewegung und ein Leuchten, je nachdem, wo man steht.

Es ist übrigens ein spezielles Silber, das auch mit unserem Haus am Land verknüpft ist. Dieses Silber verwenden Dachdecker, wenn sie bei Flachdächern mit Dachpappe arbeiten. Das Schwarz der Dachpappe würde das Licht der Sonne zu stark absorbieren sich zu stark aufheizen und durch das UV-Licht zerstört werden. Deshalb wird die Dachpappe mit einer Silberfarbe bestrichen, um das Licht zu reflektieren. Als wir bei unserem Landhaus das kleine Atelier aufgestellt haben, und der Dachdecker mit dieser Silberfarbe gearbeitet hat, ist ein Kanister übriggeblieben. Und ich habe dann gleich begonnen, damit zu malen. Was mir an ihr gefällt ist, dass sie eine so stille Farbe ist. Sie produziert keine schreienden Effekte, sondern gibt den Bildern einen in sich ruhenden Charakter.

 

 

Du hast dieselbe Farbe auch schon für andere Serien verwendet, zum Beispiel eine, die sich mit deiner Heimatstadt Völkermarkt auseinandersetzt. Diese Bilder zeigen weniger ruhige Szenen. Man sieht Häuserecken, die auseinanderfallen und Innenräume, die verwüstet wurden.

In Völkermarkt hat es 1976 einen Bombenanschag auf das Heimatmuseum am Hauptplatz gegeben. Dieses Heimatmuseum galt – zu recht – als rechtsgerichtet, geschichtsverfälschend und antislowenisch. Der slowenische Geheimdienst hat zwei Personen angestiftet, in dem Heimatmuseum eine Bombe zu deponieren. Mit Hilfe eines Zeitzünders sollte sie in der Nacht explodieren. Die beiden waren aber so ungeschickt, dass sie schon losging, als sie die Bombe während der Öffnungszeiten in einen Mistkorb legten. Sie selbst und der Vater eines Freundes, der gerade Museumsaufsicht hatte, wurden dabei verschüttet und verletzt. Als das passiert ist, war auch ich gerade am Hauptplatz in Völkermarkt. Ich habe die Explosion also miterlebt und gesehen, wie ganze Mauerteile aus der Gebäudefassade geflogen sind. Damals war ich 13 Jahre alt. Und ich datiere noch heute das Erwachen meines politischen Bewusstseins mit diesem Zeitpunkt. Damals habe ich verstanden, dass ein Museum, ein Ausstellungsraum, ein sehr brisanter Ort ist, dass es kein neutraler Ort sein kann, in den man einfach Dinge hineinstellt, die sachlich etwas darstellen.

 


Das Interview führte Dominique Gromes im Winter 2019
Portraitfoto: © Attila Boa
Atelierfotos: © Hubert Lobnig

Hubert Lobnig: „Ausstellungsräume sind brisante Orte“

Apr 17, 2020