Die ganze Wand ist voll von Büchern und Modellen. Davor steht ein Tisch, ein Sessel, ein Computer. Im ersten Stock seines kleinen Atelier-Hauses im Weinviertel braucht Fridolin Welte nicht allzu viel Platz, wenn er seine 3D-Druck Kunstwerke entwirft. Für die größeren Arbeiten, die er analog herstellt, geht er einen Stock tiefer. Dort ist auch Platz für raumfüllenden Installationen. Zum Gespräch über seine Reihe analog und digital gedruckter Kunst hat Fridolin Welte in sein Atelier geladen.


Galerien Thayaland: Du bist ja schon viel länger als Künstler aktiv, als es den 3D Druck gibt. Wie hat sich dein Interesse dafür entwickelt?


Fridolin Welte: Ich habe ursprünglich den Beruf Werkzeugmacher gelernt und bin dann zum Musterbau gekommen. Alles noch vor der Zeit, in der Werkzeugmaschinen digital gesteuert wurden. Das heißt, ich arbeitete in der Produktentwicklung. Wenn an einem neuen Produkt gearbeitet wird, neu in Design und Funktion, werden davon zuerst Modelle gebaut. An diesen Einzelstücken oder Prototypen wird dann getestet, ob sie formal und technisch funktionieren. Erst dann beginnt die Serien-Produktion; und solche Modelle habe ich gebaut. Von dieser doch sehr technisch orientierten Arbeit habe ich auf die Akademie der bildenden Künste gewechselt, um Bildhauerei zu studieren. Daneben habe ich begonnen, an der Technischen Universität zu unterrichten, und zwar Architektur-Studentinnen und -Studenten, die sich mit dem künstlerischen Zugang zu Raum, Form und Material beschäftigt haben. Am dortigen Institut für Kunst und Gestaltung habe ich den 3D-Druck für mich entdeckt. Die 3D-Drucker kann man ja von von der Art und Weise Form zu generieren, vergleichen mit einer der ganz frühen keramischen Technik, der Wulstbauweise, bei der Tonrollen Schicht für Schicht zu Hohlformen aufgebaut werden. Dieser grundlegende und der erweiterte Zugang dreidimensionale Form zu generieren, fordert meine Neugier heraus.


Galerien Thayaland: Der 3D-Druck wurde ursprünglich für Technik und Design entwickelt. Wie war dann dein künstlerischer Zugang dazu – und der der Studierenden?

Fridolin Welte: In der Architektur werden alle Pläne und Zeichnungen maßstäblich verkleinert gezeichnet und zum besseren räumlichen Verständnis werden auch dreidimensionale Modelle gebaut. Die Studierenden waren begeistert, ihre geplanten Architekturen direkt vom Computer über ein Fertigungsverfahren ohne handwerkliches Zutun umsetzen lassen zu können – vor allem wenn es sich um komplexe Freiformen handelt. Natürlich wurden die Wünsche der Studierenden nach einfacher Übersetzung schnell von der Realität eingeholt, weil die Realität ein ganz anderes Bild des Arbeitsaufwands gezeichnet hat. Der künstlerische Zugang erfordert andere Fragen als nur die der schnellen Übersetzung von der Zeichnung in die Materialität. Zum Beispiel: Welche Materialien können bearbeitet werden? Was bedeutet der sichtbare schichtweise Aufbau für das gefertigte Objekt? Kann in den laufenden Arbeitsprozess eingegriffen werden? Was bedeutet die Möglichkeit des Scannens von vorhandenen Objekten für die Vervielfältigung? Wie verhält es sich mit Original und Kopie? Nicht zuletzt aber auch die Möglichkeit, neue und bestehende Techniken miteinander zu erproben und zu verbinden.


Galerien Thayaland: Welchen Einfluss hatte das auf deine Arbeitsweise? Du hast ja die “analoge Kunstproduktion” trotzdem nicht ganz aufgegeben.

Fridolin Welte: Natürlich bin ich weiterhin Bildhauer, wenn auch kein “klassischer” im Sinne von: Ich sehe in einem Steinblock eine Figur, welche ich durch das Wegnehmen des nicht relevanten Materials aus dem Block befreie. Was mich interessiert ist das Dreidimensionale und wie es entsteht. Also nicht nur in meinem Kopf und meiner Werkstatt sondern auch in anderen Welten von Wachstum, Zerstörung, Gewolltem oder Zufälligem. Bei den analog/digital Arbeiten beeinflussen die beiden Herangehensweisen sich, weil Maschine-Maschine und Mensch-Maschine über ähnliche Achsensysteme für ihre Beweglichkeit verfügen und ihre Werkzeuge und Materialien zum schichtweisen Aufbau dreidimensionaler Formen benutzen.


Galerien Thayaland: Nach welchen Kriterien entscheidest du, ob du eine künstlerische Idee mit dem 3D-Drucker umsetzt, und wo du dich auf dein Handwerk verlässt?

Fridolin Welte: Wenn das Material, mit dem ich arbeite, schon Formvorgaben mit sich bringt, die mich inspirieren wie z.B. in den Arbeitsserie „Der Inhalt des Zylinders“, wo ich mit Baumstämmen arbeite oder Arbeiten, bei denen der Formguss relevant für die Umsetzung ist, z.B. die Arbeit „Wasserhaus“, spielt die Drucktechnik keine Rolle. Aber es geht hier um analogen 3D-Druck und digitalen 3D-Druck, wobei die analoge Vorgehensweise eine handwerkzeugliche ist. Für den 3D-Digitaldruck muss ich im Kopf und mit dem Zeichengerät eine Form generieren bis zu ihrem gewollten Abschluss, um sie von der Fertigungsmaschine übersetzen zu lassen; das Ende ist definitiv. Bei der analogen Vorgehensweise bin ich von Beginn bis zum Ende Linie für Linie gefordert, wo und wie ich die kommende Linie ansetze und beende. Die Form entsteht im Tun, der Abschluss und die letzte Linie sind gewollt oder zufällig. Jederzeit ist es aber möglich, diese fertige Form wieder aufzugreifen und weiter zu bearbeiten. Schlussendlich lässt sich dieser analoge 3D-Druck mit einem Scanner in Raumdaten übertragen und mit dem 3D-Drucker digital in einem anderen Material in einem anderen Maßstab umsetzen. Es ist mehr ein Spiel und weniger eine Entscheidung, wie die Techniken eingesetzt werden. Überraschender sind die analogen Entwicklungen. Außer die digitalen Fertigungsmaschinen verhalten sich nicht maschinengerecht und es entstehen sogenannte Fehldrucke, die für meine Arbeit auf der Suche nach dem Dreidimensionalen unerwartete Qualitäten beinhalten.

 


Galerien Thayaland: Wie sehr unterscheidet sich da der Prozess der Ideenfindung, oder des Nachdenkens während der künstlerischen Arbeit.

Fridolin Welte: Wenn ich mit meinen Händen an einer dreidimensionalen Form arbeite, gibt es immer Momente des Innehaltens, des Abwartens und Überlegens. Ich kann und muss während der Arbeit noch entscheiden, ob es doch anders weitergehen soll, eine neue Richtung eingeschlagen wird, ein anderer Ansatzpunkt oder doch schon die Schlusslinie zu setzen ist. Es gibt sozusagen eine Möglichkeit der Unschärfe im Ablauf. Beim 3D-Druck geht das nicht; da gebe ich die Linien, das Liniennetzwerk als Daten ein und warte ab bis die Maschine meine Angaben ausgeführt hat. Sogenannte “Produktionsfehler”, die passieren können, schaffen die Möglichkeit, die geplante Arbeit im Vergleich zur entstandenen, neu zu überdenken. Oder sie unverändert zu belassen, aber in einen neuen Kontext zu bringen. Auch die Überlegung, die Steuerung des 3D-Druckers zu manipulieren, tut sich hier auf. Überhaupt bin ich der Ansicht, dass “etwas Falsches” immer auch die Möglichkeit beinhaltet, das Richtige zu hinterfragen und vice versa.

 


Galerien Thayaland: Wie wichtig ist für dich die Wahl des Materials, sowohl im 3D-Druck als auch analog?

Fridolin Welte: In manchen Fällen ist das Material die Vorgabe für die entstehende Arbeit, in anderen Fällen suche ich das Material nach seiner Verwendbarkeit aus. Interessant ist, dass jedes Material sogleich eine Beschränkung auf bestimmte Möglichkeiten bedeutet. Im 3D-Druck entscheide ich mich oft für Gips, wahrscheinlich weil ich aus der Bildhauerei komme, aber auch für Kunststoffe. Bei meinen analogen Arbeiten verwende ich Materialien, die oft keine Materialien für Bildhauer sind. Also nicht Stein oder Metall, sondern Materialien, die als Abfall bezeichnet werden, wie die Schalen von Obst oder sogenannte Hilfsmaterialien wie PU-Schaum, der verwendet wird, um Fenster in Mauern einzupassen. Auch Sanitärsilikon oder eine Heißklebepistole finden bei mir Verwendung. Das ist dann wie analoges Drucken, weil ich das Material aus einer Kartusche presse und so auf linearer Ebene Formen entstehen. Dabei geht es meist um Formerweiterung. Fundstücke, wie die Rinde eines Baumes, eine getrocknete Bananenschale oder ein Stück Blech werden zu noch unbekannten Dimensionen erweitert. Diese Fundstücke befreien mich von der Entscheidung, wie und wo die erste Linie zu ziehen ist. Sie sind die Vorgabe für die weitere Formentwicklung.

 

Das Interview führte Dominique Gromes

alle Fotos: © Fridolin Welte

 

Fridolin Welte (*1956, lebt und arbeitet in Wien und Oberretzbach/NÖ)
vom Werkzeugmacher zum Musterbauer zum Bildhauer, 1980-87 Akademie der bildenden Künste Wien, seit 2005 Ass.Prof am Institut für Kunst und Gestalten der Technischen Universität Wien. 2007-2013 Leiter des Bereichs Bildhauerei des k/haus Wien, seid einigen Jahren künstlerische Auseinandersetzung mit dem 3D-Druck analog und digital

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