Als “Malerfürstin” hat sich Franziska Maderthaner augenzwinkernd selbst bezeichnet, als sie für das Fotoshooting in der “Gemäldegalerie” ihres Waldviertler Ateliers Platz genommen hat: Franziska Maderthaner vor ihrem Werk “Der Sammler” steht für all das, was auch die Bilder der erfolgreichen Malerin ausmachen: ein Blick in die Kunstgeschichte und in die aktuelle Politik, ironische Leichtigkeit und ernstgemeinte Botschaft, phantastische Welten und Autobiografisches. Im folgenden Gespräch erzählt Franziska Maderthaner, womit sie sich in ihrer Kunst gerade beschäftigt und gibt Einblick in ihren Arbeitsprozess.

 

Galerien Thayaland: Für unser Kunstmagazin haben wir dich vor deiner aktuellen Arbeit “Der Sammler” fotografiert. Welche Geschichte verbindest du mit dem Bild?

 

Franziska Maderthaner: Ich war in den 1980er Jahren Assistentin an der Angewandten bei Martin Kippenberger, den ich sehr frech und radikal fand. Von Kippenberger gibt es ein Bild mit dem Titel “Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken”. Das Bild besteht aus verschachtelten Ecken und Kanten. Und natürlich kann man sagen, dass man kein Hakenkreuz darauf entdecken kann, obwohl es natürlich voller Hakenkreuze ist. Ich habe mein Bild “Der Sammler” nun im Untertitel genannt: “Ich kann beim besten Willen keine nackte Frau erkennen.” Weil nackte Frauen dürfen aktuell nicht mehr gemalt werden und müssen aus den Museen raus. Auf meinem Bild sieht man jedoch – wenn man möchte – dass der Kopf des “Sammlers” eigentlich die kitschige Figur einer nackten Frau aus Marmor ist. Natürlich kann man darin aber genauso gut das zerknauschte Gesicht des “Sammlers” sehen. “Der Sammler” ist übrigens auch der Originaltitel. Das Originalbild stammt von Ferdinand Georg Waldmüller und hängt im Wien Museum.

 

„Ich, Rubens“ von Franziska Maderthaner

 

Du beschäftigst dich schon seit einigen Jahren mit Zitaten aus kunsthistorisch bekannten Portraits. Wie ist es dazu gekommen?

 

Begonnen hat es mit einer Selbstportrait-Serie mit dem Titel “Ich, Rubens”. Zu sehen auf den Bildern bin ich, aber als Rubens, mit dem für ihn typischen Bart und dem Hut. Die Behauptung, die ich damit aufstelle, ist größenwahnsinnig: ich, Franziska Maderthaner, sehe mich als Rubens, den großen Maler.

Dann sind Portraits von meiner Familie und Freunden dazugekommen. Einen befreundeten Anwalt aus Wien habe ich als Gelehrten aus dem 15. Jahrhundert gemalt. Meinen Sohn Toni habe ich zu einem Bronzino-Portrait gemacht: das Gesicht meines Sohnes, mit Bier und Zigarette, aber der Rest des Bildes ist wie Bronzino, der manieristische italienische Maler aus dem 16. Jahrhundert.

Da gibt es natürlich immer auch einen Zusammenhang zwischen der Person und der Referenz. Das Gesicht meiner Freundin Doris Knecht habe ich auf das Cover der ersten Bob Dylan-Schallplatte gemalt, weil sie Dylan-Fan ist. Und meinen Mann Michael habe ich im Stil von Egger-Lienz gemalt. Es sind immer existierende Menschen, die ich male, aber als jemand anderes. Es sind eigentlich Fake-Portraits, kann man sagen.

 

Das heißt, aus einer Serie entsteht bei dir immer die nächste und von einem Thema arbeiten sich deine Bilder zum nächsten vor?

 

Genau. Je mehr Portraits ich gemalt habe, desto mehr sind auch politische und kunstpolitische Gedanken mit eingeflossen. Im vergangenen Jahr wurde in der Kunstszene viel über die “alten, weißen Männer” diskutiert, die in Kunst und Kultur dominant vertreten sind. Als Feministin habe ich mir gedacht: “Ja, das stimmt.” Aber als Malerin, die stark von der traditionellen Malerei – dem Barock, der Renaissance – beeinflusst ist, zitiere und studiere auch ich vor allem Werke von “alten, weißen Männern”. Weil es im 15. und 16. Jahrhundert einfach keine jungen, schwarzen Frauen in der Malerei gegeben hat. Wenn mir diese “alten, weißen Männer” also wichtig sind, warum soll ich sie dann nicht portraitieren?

Das habe ich dann auch gemacht. Aber nicht so, wie sie wirklich waren, sondern indem ich ihnen eine neue Identität gegeben habe. Indem ich geschaut habe, wer sie schon aller dargestellt hat in Filmen. Und daraus ist dann die Serie “Playing Painter” entstanden. Einerseits erkennt man bei den Bildern sofort, um welchen Maler es sich handelt, aber man denkt gleichzeitig: sieht zwar aus wie Picasso, aber irgendwie auch nicht. Irgendwie sieht Picasso aus wie Antonio Banderas. Und so gibt es Vincent Cassel als Paul Gauguin, Timothy Spall als J. M. W. Turner, Ed Harris als Jackson Pollok, John Malkovich als Gustav Klimt, Willem Dafoe als Vincent van Gogh, und so weiter. All diese Männer sind also jemand anders, als sie scheinen.

 

„Playing Painter (van Gogh – Dafoe)“, 2019

 

Was ist für dich das faszinierende an Portraitbildern, dass du dich in immer neuen Varianten damit auseinandersetzt?

 

Das großartige an Portraits ist: es sieht dich jemand vom Bild herunter an. Und du, als Bildbetrachter, schaust zurück. Da entsteht sofort eine Kommunikation, ein Austausch. Von Angesicht zu Angesicht, sozusagen. Bis sich dieses Antlitz in meiner aktuellen Serie – zu der eben auch der “Sammler” gehört – komplett auflöst und man plötzlich nicht mehr in ein Gesicht blickt, sondern mit einer ganz anderen Fragestellung konfrontiert wird.

 

Dabei bleibt deine Malerei immer gegenständlich.

 

Ich male seit vierzig Jahren und ich male seit vierzig Jahren gegenständlich. Wenn ich meinen ersten Katalog anschaue, von 1988, dann erkenne ich ganz deutlich einen roten Faden: es ging immer schon um das kunsthistorische Zitat, um Ironie, um Feminismus, um das Experimentieren mit Techniken und Malstilen. Gleichzeitig hat eine starke Entwicklung stattgefunden. Wenn man Malerei betreibt wie ich, indem man jeden Tag stundenlang arbeitet, dann ist das wie wenn man ein Instrument spielt. Man wird immer besser, verfeinerter, aber auch souveräner und radikaler.

 

Gehört zu diesem ständigen Dazulernen, was die eigene Kunst betrifft, auch dein Zusammenarbeiten mit anderen Künstlern?

 

Ganz bestimmt. Vor allem mit den Malern Ronald Kodritsch und Max Böhme hatte ich in den vergangenen Jahren großartige Kollaborationen. Wir haben zu dritt Bilder gemalt. Ronald Kodritsch ist ja ein sehr wilder Maler und das ist etwas, was dann auch in meine Malerei einfliesst. Und so wie ich von ihnen lerne, lernen sie von mir.

2017 haben wir drei im Kunstraum Nestroyhof in Wien gemeinsam ausgestellt und eine Video-Dokumentation über den gemeinsamen Arbeitsprozess gemacht. “Das beste Bild” haben wir das Resultat genannt. Die Video-Dokumentation, die am Waldviertler Hof von Max Böhme entstanden ist, kann man sich noch immer auf youtube ansehen:

 

 

 

Und wie ist das Abstrakte in deine Malerei gekommen?

 

Die abstrakten Elemente in meinen Bildern wurden eigentlich schon vor zehn Jahren inspiriert, als ich intensive begonnen habe mich mit Aquarell zu beschäftigen. Ich mochte das Lockere, das Leichte, das Zufällige und Spontane dieses Mediums. Diese Art des Arbeitens, die gleichzeitig einen Assoziationsraum erzeugt, wollte ich auf die Leinwand übertragen. Und so sind die abstrakten Schüttungen entstanden, die sich nun in meinen Bildern wiederfinden. Da beginne ich mit etwas komplett Abstraktem und male dann etwas Gegenständliches hinein.

 

Diese gegenständlichen Versatzstücke, die aus dem Abstrakten auftauchen bzw. sich aus dem Abstrakten herauslösen, sind wiederum Zitate aus der Kunstgeschichte. Woher kommt deine Faszination für vergangene Kunstepochen?

 

Ich habe über 30 Jahre an der Universität für angewandte Kunst in Wien unterrichtet. In der Klasse für Kunstpädagogik Malerei und Grafik. Was mir dabei wichtig war, war nicht nur Technik zu vermitteln, sondern auch von der zeitgenössischen Malerei zurückzugehen zur klassischen Avantgarde, zur Moderne, zum Impressionismus, und immer weiter.

Man kann das dann auch von der anderen Seite aufrollen. Also mit dem Vermitteln von Malerei von der Renaissance beginnend. Und das nicht unbedingt mit einem kunsthistorischen Blick – also sich nicht nur mit Bedeutungen, Symbolen und dergleichen beschäftigen, sondern vor allem mit Komposition, mit Techniken, die man zu bestimmten Zeiten verwendet hat und die die Malerei-Geschichte geprägt haben. Das Vermitteln dieses Wissens hat sich dann auch in meinem eigenen Bildgedächtnis niedergeschlagen.

Das einzige, was ich mir wirklich gut merken kann, sind Bilder. Ich habe so eine Art unendliches Bildgedächtnis. Das heißt, wenn ich eine meiner abstrakten Schüttungen vor mir habe, wo noch nichts anderes drauf ist als dieser abstrakte Expressionismus, spult sich bei mir im Kopf schon eine Maschinerie ab und ich weiß ganz schnell: bei diesem gelben Farbwischer könnte die “Lucretia” von Artemisia Gentileschi hineinpassen. Aber nur ein kleiner Körperteil, nur ihr Knie. Und das kommt vom Vermitteln von Kunstgeschichte über drei Jahrzehnte.

 

Das Interview führte Dominique Gromes

 

Wenn es die aktuelle Situation rund um Covid-19 zulässt, werden die aktuellen Portraitbilder von Franziska Maderthaner ab 18. Juli in der Kunstfabrik Groß Siegharts zu sehen sein.

Franziska Maderthaner: Zu Besuch bei der „Malerfürstin“

Apr 24, 2020