Im Jänner diesen Jahres kam ein Reisebus voll KünstlerInnen nach Groß Siegharts auf Besuch. Es ging ihnen darum, die Kunstfabrik als zukünftigen Ausstellungsort unter die Lupe zu nehmen. Thema der Ausstellung sind Reflexionen über textile Formen und Produktionsweisen in ihrer eigenen künstlerischen Praxis. In der vorbereitenden Recherche war deutlich, dass im historischen Kontext textiles Kunstschaffen sehr oft mit Künstlerinnen in Verbindung gebracht wird, während andere Materialien, wie Metalle, Stein oder technische Installationen eher männlichen Künstlern zugerechnet werden. In der Ausstellung “Muster Erkennung” versucht man(n)/frau herauszufinden, ob und wie mit diesen festgefahrenen Denk-Mustern gebrochen worden ist.

Die Frage, wie sich die aktuelle Debatte um Gleichstellung der Geschlechter in die Auswahl künstlerischer Techniken, Material und Produktion einschreibt, wird sich als roter Faden durch den gesamten Ausstellungsraum, von der Galerie über den Projektraum bis in den Websaal hinauf ziehen. “Ich bin interessiert daran, wie sich der Prozess tatsächlich abzeichnet. Es gibt auf Makroebene die gesamtgesellschaftlichen und politischen Errungenschaften in Gleichbehandlungsfragen, aber wie sieht es im Detail aus? Wie tief sind Verhaltensweisen und Werte tatsächlich in uns verwurzelt und manifestieren sich zum Beispiel auch in künstlerischen Arbeitsprozessen. Wie steuern wir bewußt dagegen an und welche Mittel stehen uns dabei zur Verfügung? Für das Projekt Muster Erkennung (pattern recognition) habe ich Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Generationen eingeladen, ihr (Selbst-) Beobachtungen durch oder anhand textiler Techniken mit uns zu teilen”, erklärt Judith Fegerl, die Kuratorin der Ausstellung.

Im Anschluß an ihren Besuch haben wir die Künstlerinnen und Künstler um ein Statement gebeten, zu ihrer bevorzugten Technik und ob sie sich in ihrem Schaffen beeinflusst fühlen durch traditionelle Rollenbilder und den damit eng verbundenen Vorstellungen von Fähigkeiten und Fertigkeiten. Auch die Fotos sind bei dem Rundgang durch die Kunstfabrik Groß Siegharts entstanden.

 

 

“Ich arbeite mit gefundenem Material, aber auch mit Skulptur, Video, Sound, Druckgra k und Zeich- nung. Jedes Material und jeder Gegenstand hat eine Geschichte, spezi sche Eigenscha en und ein eigenes Wesen. Manchmal geht es um das Finden, manchmal nur um einen kurzen Moment. Manch- mal lasse ich die Dinge so, wie sie sind. Ob ich in der Wahl meiner Arbeitsweise von typischen Rollen- bildern beein usst bin, kann ich nicht beurteilen.“

Luzie Kork

 

 

“Meine Arbeiten sind vorwiegend skulptural. Dabei arbeite ich viel mit Holz und Metallen. Die Wahl meiner künstlerischen Technik ist sehr stark auf meinen Ausbildungsweg zurückzuführen. Rückblickend haben dabei Geschlechterrollen bestimmt auch einen Anteil daran, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe.”

Jakob Kirchweger

 

 

“Ich arbeite bevorzugt mit Sprache, die ist in meinen Arbeiten letztendlich immer present. Im konkret handwerklichen Sinne arbeite ich außerdem viel mit Glas. Die Materialeigenschaften faszinieren mich. Die Komponenten meiner Arbeiten bringe ich in Installationen zusammen, was als Technik auch Übung braucht und lustvoll ist. Wenn meine Art zu arbeiten von genderspezifischen Stereotypen beeinflusst ist, dann hat es wahrscheinlich damit zu tun, was ich nicht mache. Ich stricke, häkle oder töpfere zum Beispiel nicht. Da hat es auch erst scharfsinnige Frauen in meinem Umfeld und in meinem Alter gebraucht, die mir diese Techniken näher gebracht und mir ihre Komplexität gezeigt haben. Weiblich behaftete Techniken bekommen schnell die Position, dass sie sich als komplex rechtfertigen müssen, um als künstlerisch wertvoll wahrgenommen zu werden. Und allgemein wird vom Handwerk oft verlangt, dass es dem „Blick von oben“ der Kunst standhält. Fragen der Grenzziehung und der Beurteilungskriterien sind da interessant.”

Marlene Lahmer

 

 

“Ich sehe den zentralen Teil meines Schaffens im Aufbrechen und Loslösen von klassisch fotografischer Technik. Mit chemischen, mechanischen, künstlichen und organischen Prozessen bearbeite ich ein Werk, bis es sich selbständig vom flachen Format entfernt und zu einem mehrdimensionalen, taktilen Objekt transformiert. Die Fotografie mag zwar einst Männern vorbehalten gewesen sein, jedoch kann ich gleichermaßen Kolleginnen sowie Kollegen sowie Künstlerinnen und Künstler benennen, die sich heutzutage diesem Medium im klassischen oder alternativen Sinne widmen. In meinem Fall war es mein Vater, welcher durch seine Liebe zum analogen Film auch mein Interesse zur künstlerischen Fotografue weckte. Indes meide ich die Betrachung dieses Formats in binären Geschlechterrollen: zu hoch scheint mir dabei die Gefahr, selber Teil einer zweischneidig urteilenden Instanz zu werden.”

Kaja Joo

 

 

“In meinen künstlerischen Arbeiten gibt es keine bevorzugten Techniken. Am Anfang jeder Arbeit steht eine Inspiration, die dann weitergesponnen wird zu einer konkreten Idee und ganz natürlich im Denkprozess zu einer oder mehrerer Techniken findet. In Zukun will ich die Auswahl meiner Techniken mehr im Gender-Kontext hinterfragen. Mit Sicherheit spielen meine Eltern, die versucht haben mich möglichst frei von geschlechtsspezifischen Rollenbildern zu erziehen, und meine Ausbildung eine große Rolle in meinem künstlerischen Prozess – aus dem einfachen Grund, dass sie meine Gedankenwelt und mein persönliches Umfeld entstehen haben lassen.”

Laura Schlagintweit

 

 

“In meinen Klangkunstinstallationen wende ich oft das Prinzip des Lichttons an. Auf dem Weg von Lichtquelle zum Sensor unterbreche ich das Licht mit verschiedenen Materialien, zum Beispiel mit textilen Gewebestrukturen. Die Stoffe fungieren wie analoge Filter. Der Sensor registiert die unterschiedlichen Lichtwerte und übersetzt sie in Klänge. Aktuell arbeite ich auch mit Blütenstaub und Feinpartikeln innerhalb dieser Klangerzeugung. Durch meine ältere Schwester habe ich mit Nähen begonnen und auch nach meiner Matura das Kolleg für Mode und Bekleidungstechnik absolviert. Mein Bruder hat mir zu Weihnachten oft Werkzeugsets geschenkt, zu Beginn hätte ich mich eher über „Mädchensachen“ gefreut, aber ich habe das Werkzeug im Laufe der Jahre zu schätzen gelernt und jetzt bin ich ihm dafür sehr dankbar. Durch mein Studium Digitale Kunst an der Angewandten reagierten diese Komponenten und fusionierten mit neuem „Input“. Meine künstlerische Arbeit und Experimente bewegen sich am Grat zwischen Technik, Sinneserfahrung und poetischer Narration.“

Kathrin Stumreich

 

 

“Im Idealfall passt die Technik zum Inhalt, oder der Inhalt zur Technik. Bei meinen Animations lmen kann ich immer wieder Neues ausprobieren. Bisherige Trick lme waren beispielsweise mit Wolle gestrickt, auf Folie gestickt, in Glasplatten graviert oder auf gefaltetes Papier gezeichnet. Fast immer spielt die Sprache eine wichtige Rolle, aus gefundenen Sätzen baue ich Toncollagen. Und diese sind für mich fast wichtiger als die visuelle Ebene der Filme. Meine Animationsfilme sind so unterschiedlich, da kann eigentlich nicht von stereotyper Prägung bei der Wahl der Technik ausgegangen werden. Allerdings ist es gut möglich, dass meine grundsätzliche Leidenschaft für den analogen Trickfilm als typisch weibliche Medienwahl gesehen werden könnte, da viel Ausdauer, Genauigkeit und Fleiß erforderlich sind. Vielleicht zeigt sich hier aber auch der unbewusst verinnerlichte Neoliberalismus: Mit Fleiß sei doch der Erfolg zu erzwingen…”

Veronika Schubert

 

 

“Ornament, Spiritualität und Technologie sind die Themen, der sich meine Techniken beugen müssen. Hierbei benutze ich selten ähnliche handwerkliche Vorgangsweisen und springe zwischen Analog, Digital und Theorie. Es gibt de nitiv genderspezifische Prägungen. Diese Eigenschaften als entweder männlich oder weiblich aufzuschlüsseln erscheint mir allerdings wenig sinnvoll, insbesondere da mögliche Korrelationen weitaus subtiler und komplexer ausfallen müssten als Hammer = Mann, Nähnadel = Frau. Die Meisterschaft, in egal welcher Technik, war dann meistens doch wieder Männern vorbehalten, auch wenn es um Bereiche wie Kochen, Mode oder Kosmetik ging.”

Kai Tausenegger

“Es ist komplexer als Hammer = Mann, Nähnadel = Frau”

Mrz 18, 2019