in Anbetracht dieses so umfangreichen und hochkonzentrierten Werkkonvoluts, wie es von einer Künstlerin aus der nach-68er-Generation wie Hil de Gard (*1964) aus dem Umkreis der konkreten und konzeptionellen Kunst vorliegt (Heinz Gappmayr, Angelika Kaufmann, Heimrad Bäcker, Eugen Gomringer, Ilse Garnier, André Thomkins: um nur diese 6 zu nennen), in Anbetracht der Werke und des Werkens einer Künstlerin, die allerdings ihrerseits nur dort und da sporadisch in die Öffentlichkeit getreten ist (etwa in PodiumsAuftritten, Diaperformances, Literatur am Bahnhof in Feldkirch, TheaterRückprojektionen, Infoscreens, Buchgestaltungen für Droschl/Graz, Gerhard Wolf janus-press/Berlin, sowie für Kataloge und Kochbücher von Linde Waber, Weinetiketten für Hirsch Kammern/Langenlois und Haubensack Altstätten/SG etc.), also Arbeiten einer unprätentiösen Artistin, die ihren Lebensunterhalt u.a. durch Aktionen in Galerien (auch in der eigenen Galerie: DAS GESCHÄFT genannt, 2000-2008), in der Gastronomie und mit vollem Einsatz über Jahre hinweg in Naturkostläden wie im Makrokosmos Wien VIII und Aus gutem Grund in Wien XIII bestritten hat, angesichts dieser Überfülle von Tätigkeiten, von ausgeführten Werken und skizzierten Konzepten stellt sich ganz einfach die Frage, wann hat sie das alles gemacht, übrigens mit deutlich spürbarem SchaffensSchub in ihren Mitte-Dreißigern um das Jahr 1998, nämlich in aller Kürze folgendes:

-eine Unzahl von Handzeichnungen mit Tuschestiften als alphabetbezogene Rasterzeichnungen zu einzelnen Redewendungen oder Radikalformulierungen wie ‚bin im Bild’ oder ‚wirf nicht das Handtuch’ (nämlich als Strichmännchenzeichnungen mit eigenen Alphabet-Zuordnungen, die in ihrer Repetitionstechnik und Musterhaftigkeit zum Teil die Anmutung von verschlüsselten Strafaufgaben tragen, nicht umsonst hat unser tschechischer Kollege Josef Hirsal solche Arbeit in schöner Übersetzungsprosa als GEDULDIGE KUNST bezeichnet)

-dann diese umfänglichen Fotoserien von Radschlagperformances der ausgebildeten Tanzpädagogin (System Chladek, mit AnalogKamera um den Bauch geschnallt und vornehmlich auf Asphalt ausgeführt), als verwischende Luftmarkierungen einer ZirkusArtistin auf öffentlichen Plätzen (in Tokio, Wien, Zürich und weiteren geplanten Orten) samt den zugehörigen voraus- und nachlaufenden Bleistiftskizzen in Hülle und Fülle

-dann diese Sammelmappen voll von allgegenwärtigen Piktogrammen, Signets, Firmenzeichen und Verpackungskartonaufdrucken (auf standarisierte Größen heruntergebrochen), alles Material für künstlerische Zusammenstellungen und Ausführungsfolgen auf einer eigenwilligen Text-Bild-Ebene, etwa die Serien: Opfer der Kunst oder alles Walzer (gewiß: auch Rätsel und Rebus-Kombinationen sind mit dabei), das Zeitungsprojekt 3x darfst du raten ausschließlich mit Piktogrammen ging an alle Haushalte der süddeutschen Stadt Singen am Hohentwiel

© Götz Bury

-weiters solch erkleckliche Zahl von Kreuzstichbildern auf vorgegebenen oder selbst gezogenen Rasterblättern, quasi als Studienbeispiele dafür, wieviele oder wie wenige Kreuzerl als Bildpunkte nötig sind, damit man ein Standardbild aus dem öffentlichen Zusammenhang, aus der Kunstgeschichte, aus den Medien oder von den Geldscheinen herunter wiedererkennt: es sind überraschend wenige Kreuze notwendig, also die Leerstellen können beträchtlich sein und dennoch weiß man auf Anhieb, was das rudimentäre Bild darstellt: aus der gemalten Mona Lisa wird so eine KreuzstichAndeutung der angenagten Gioconda rosicchiata), und wenn solcher Kreuzstich auch wirklich fadengestickt ausgeführt ist (Kennerinnen drehen solchen Stoff zur Überprüfung gleich um), auf exquisiter Tisch- und Bettwäsche (Amsel schreitend, Lerche schreitend, Spatz hüpfend), dann kann solcher auch von befreundeten StickerinnenRahmen, sogar aus der Ramsau am Dachstein, stammen, ein großformatiges Stickbild, nämlich die bekannte oö. GipfelAnsicht vom vorderen Gosausee aus zeigend, wurde in einfacherer Ausführung für eine Almausstellung in Schloß Trautenfels, diesem weiland Zentrum der KreuzstichTradition, hergestellt

-als Beispiel für eine auf Schienen laufende konzeptuelle Itinerar-Dokumentation kann jenes FotoProjekt aus dem Cockpit der Mariazellerbahn heraus gelten (die Strecke St.Pölten – Mariazell tour-retour im Juli 2007 in über 100 Bildern aus 3 Kleinbildfilmen), eine Wege-Dokumentation, die vor allem den Bahnkörper ins Visier genommen hat und damit eher eine halbanonyme Schwellen-Wallfahrt als eine PanoramaAusflugstour mit letztendlichem BasilikaAnstieg dieser Bittsteller-Künstlerin darstellt, übrigens ist eine einzige identifizierbare GegenElektroLok-Ansicht im Bild (für alle Eisenbahn-Fans, die selbstredend auch wissen, daß eine Streckenverlängerung nach Kapfenberg geplant war, hier die LokNr. 1099.004-2) als quasi Wirklichkeitsgaranten in diesem Auf- und AbmerksamkeitsLeporello (die Künstlerin, beharrlich neben dem Lokführer den Schienenstrang aufnehmend, hat in Mariazell übrigens nicht in einem Hotel logiert, sondern in einer EisenbahnerUnterkunft übernachtet)

-jaja: zwar nicht aus ausgetauschtem Oberleitungsdraht, aber doch aus steifem Eisendraht hat Hil de Gard eine Vielzahl von Miniaturstühlen gebogen und diese auf gelöcherte Kartonplatten gestellt und mit aufgeschlagenen Langenscheidt Liliput-Taschenlexiken kombiniert, so als sei eine Liliputaner-SitzPerson vor kurzem aufgestanden, habe ihre Verständigungshilfe am Boden zurückgelassen und sei aus der schloßlosen Losbox (eben für TombolaLose oder unkontrollierbare Stimmabgaben) soeben für immer entwichen, ihre fragilen Objekte ungeniert zurücklassend, wozu eine Vielzahl von BildschirmZeichnungen der unterschiedlichst gebogenen Drahtstühle mit diesen Boxen kombiniert werden oder auch als FlachErinnerung allein für sich an der Wand hängend bestehen kann

-das wahrscheinlich kühnste (übrigens mit Patent versehene) Objekt der PapierKünstlerin ist jenes spielbereite kreisrunde Schachbrett samt den dazugehörigen 32 Figuren (Idee und Modell im Besitz der Künstlerin)

-das entschieden aufwendigste und semio-tischste (wenn diese Steigerungsstufe erlaubt ist) Projekt der Bild-Sprach-Künstlerin Hil de Gard war und ist wohl jenes der leibhaftigen buchstäblich zum Tisch erklärten Tische, und einige Exemplare (in schönster TischlerArbeit mit ausgesuchten Hölzern auf der Platte intarsiert ausgeführt) stehen schon zur Freude ihrer jeweiligen Inhaber an Ort und Stelle und tun dort diskret ihren tabularen Dienst (etwa namentlich beim Museumsleiter Carl Aigner und anderswo inkognito), selbstverständlich wäre noch eine erkleckliche Reihe von eleganten beliebig langen, breiten und hohen TafelTischen nach Hil de Gards Vorgaben herzustellen, und als kleine Auswahl für Interessentinnen seien hier folgende noch anzufertigende tisch-Tische genannt: der solis, der op, der prophe, der idio, der bombas, der realis (als 2. Exemplar), dann trauma roman klima phantas (auch 2. Exemplar), weiters hypno eksta akroba linguis feminis kubis, der dras-Tisch, der skep-Tisch und der chao-Tisch, einzig der langgestreckte Refektorium-Tisch ERO-tisch mit Birkenplatte, Rosenholz-BuchstabenIntarsie mit je einer Lade an den Schmalseiten steht noch in Hil de Gards ehemaligem Atelier und hat die ungewöhnlichen Maße von 218(!) cm mal 64 cm bei einer Höhe von 78 cm, vom véri-table (der 1. steht im oö. Landesmuseum) sind für ein zweites Exemplar zumindest die Buchstaben schon ausgeschnitten (erwähnenswert dazu vielleicht: die Autorin Brigitta Höpler hat für die Ausstellung vonTISCHen in der Galerie Stadtpark Krems Über die Lesbarkeit von Tischen oder die Tischplatte als Blatt einen Vortrag gehalten und der Kurator Christian Witt-Döring hat für die Ausstellung in der Möbelsammlung des Museums für Angewandte Kunst den Kurzessay mit dem Titel: unter tische überhalten verfaßt, beim WORTTHEATER im Wiener Volkstheater gab es sogar 80 Tisch-Dias aus dem Kodak Karussell zu sehen), mein persönlicher Tisch-Favorit (wenn das noch jemanden interessiert) wäre aber auf jeden Fall der enigma gewesen (kann ja noch werden)

-zu einigen meiner Bücher und Broschüren konnte Hil de Gard Akzidentielles (wie Titelgrafiken), aber auch Substanzielles (wie Piktogramm-Textserien) beitragen, als Musterbeispiel einer intensiven (nämlich seitenweisen) Zusammenarbeit sei nur auf den 165-Seiten-Band mit dem Titel mittendrin (Erzählungen/Zeichnungen, Literaturverlag Droschl 1994) hingewiesen, in welchem 160 Stickbilder (je eines pro Seite, oft mit rechtem Daumen Bild im Bild hereingezogen) während der Lektüre im montierten Text zeilenweise rechtsseitig und linksseitig auf und ab wandern (eine exakte SeitenMitte gibt es ja bei 35 Zeilen nicht), man wird darin sogar die PersonenKennbilder in- und ausländischer damaliger Banknoten (Freud und Mozart sowieso, aber auch Gauss und George Washington) vorfinden, nämlich im TextKapitel zur Physiognomie: Auskunft der Auskunft), aber auch die EndReste (quasi Schwänze) von Sprichwörtern, die sich leicht oder auch weniger leicht ergänzen lassen, sind im Buch mittendrin gestickt (steht dort zum Beispiel NGT SEGEN, wird man spielend im Geist voranstellen können: SICH REGEN BRI), oder RZE BEINE (LÜGEN HABEN KU)

-daß Hil de Gard wie auch jede(r) Liebhaber(in) ihrer Kunst zumindest verbal in vielen Rollen auftreten kann und konnte (hoffentlich wird sie das angesichts ihrer Erkrankung auch fürderhin auf ihre Weise tun können), dieses Rollenspiel ist auch in einem weiteren Beispiel ihrer Wörtlichkeitsnehmung nachzuvollziehen, nämlich in einer Unzahl von realen beschrifteten Papierrollen aus dem (ehemaligen) Geschäftsleben, auf Podeste oder Borde gestellt und dort in Augenhöhe abzulesen (wenn auch nicht abzurollen) und sei es die Schaumrolle, die Außenseiterrolle, die tonangebende Rolle, die tolle Rolle, die gegengeschlechtliche Rolle, die Rolle der Phantasie, die Vorreiterrolle und die Rolle der tanzenden Buchstaben (mit welcher wir diesen ParcoursRitt durchs Werk der Künstlerin vorläufig stoppen, wenn auch nicht beenden wollen), und auch die Antwort auf die Eingangsfrage, wann Hil de Gard das alles gemacht hat, muß notgedrungen ebenso wie die Form der Zukunft offen bleiben

enigma-tisch. Anmerkungen zu Hil de Gard von Bodo Hell (2020)

Jun 19, 2020