Als Quereinsteigerin – ich kam erst im Alter von Mitte vierzig zur Töpferei – hatte ich von Anfang an die Möglichkeit vollkommen frei arbeiten zu können, ohne das Ziel einer Karriere vor Augen haben zu müssen.

Wohl wesentlich für meine Arbeit mit Ton ist meine Leidenschaft für Form und Strukturen, meine Freude an Gebrauchsobjekten und meine Faszination für das Material.

Mit Ton zu arbeiten bedeutet für mich Zwiesprache zu halten mit dem Material, ein Austausch von Ideen und Gefühlen, ein Prozess in dem das Objekt langsam wächst und Form annimmt und auch oft andere Wege geht als ursprünglich konzipiert.

Es macht mir großen Spaß Gebrauchsgegenstände zu gestalten: Teller, Krüge, Vasen, Schüsseln – alles Gefässe , die für den täglichen Gebrauch bestimmt sind und uns unmittelbar umgeben. Gerade dieser Kontakt ist es, der den Alltagsobjekten eine so große Rolle zuweisst. Ich finde es wichtig, dass man sich über die Gegenstände, mit denen man täglich zu tun hat, freuen kann, und sei es nur ein Kochlöffel oder ein Bleistift.

Meine Keramiken sind großteils Konstruktionen in Plattentechnik. Allerdings bediene ich mich auch der Töpferscheibe, wann immer ich es für sinnvoll erachte.

Einfache geometrische Formen, minimalistisch und nüchtern, sind die Regel, obwohl es hie und da schon vorkommen kann, dass sich eine „barocke“ Form dazwischen drängt – oder sollte ich sogar sagen: der Überschwang des Rokoko?

Meine Glasuren, wenn ich sie verwende, sind matt und wirken oft sogar spröde, wie altes Mauerwerk oder Gestein. Manchmal ist jedoch die nackte natürliche Tonoberfläche die richtige Lösung für ein Objekt, oder auch nur eine Oberflächenbehandlung mit Oxyden oder Rauch.

Was die Farbskala anbelangt, liebe ich Erdfarben wie Terracotta, Brauntöne, Ocker, aber auch Blau-und Grautöne. Sehr viel arbeite ich mit dem Kontrast von schwarz und weiß. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Form und Oberflächengestaltung.

Der Arbeitsvorgang der Realisierung einer Idee ist für mich ein evolutionärer und folglich langsamer Prozess, eine Art Zwiesprache mit dem Material, wobei diese Zwiesprache der eigentliche Kernpunkt der Arbeit ist. Das Endprodukt dieses Prozesses, das fertige Objekt, ist der Anfang eines neuen Zyklusses. Das Material lebt in einer anderen Art und Weise weiter, sowohl was die Form betrifft, als auch in seinem physikalischen Zustand.

Ursprünglich ausgehend vom Duo Form und Funktion gesellte sich bald das Spielerische Element bei Objektkombinationen und auch ein Anflug von Humor dazu. “form – function – fun” hieß die Devise. Später erweiterte sich das Trio zum Quartett, “form – function – fun – symbol” und die Objekte wurden zusätzlich auch Ideenträger – agierten als Metapher.

Es gibt noch eine Sache die mir am Herzen liegt. Fast alle meine Stücke haben einen Namen. Ich finde diese Namen wichtig, vielleicht nicht einmal so sehr für das Objekt – das steht für sich alleine – aber für den Betrachter. Es ist der Name, der es dem Betrachter ermöglicht, dem Stück näher zu treten und eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Der Name stellt sozusagen verbal dar, was die Skulptur, ganz abgesehen von ihrer Funktion, ausdrücken will.

Ellen Schwendinger (*1941, Wien)
1967 – 79 Lehrtätigkeit Englisch und Geschichte am Bundes-Oberstufenrealgymnasium Hegelgasse 12, Wien; 1979 Übersiedlung nach Bahrain; 1983 Übersiedlung nach London; seit 1984 intensive Beschäftigung mit Keramik; 1992 Abschluß des Keramikstudiums an der City of London Polytechnic mit dem „Certificate in Fine and Applied Art”. 1999 Übersiedlung ins Waldviertel, wo sie seitdem in ihrem Studio in Dobersberg an der Thaya als freischaffende Keramikerin tätig ist. Seit 1992 zahlreiche Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen in UK, Österreich und Tschechien.

Ellen Schwendinger: Keramik als Skulptur, Metapher und Funktionsträger

Mai 2, 2018