Seit genau dreißig Jahren ist in Zwettl die Viertelsgalerie des Landes Niederösterreich – die “Blaugelbezwettl” – beheimatet. Martin Anibas und Andreas Ortag, die aktuellen künstlerischen Leiter, haben mit dem Kunstmagazin über Verantwortung und Chancen einer wichtigen Institution gesprochen.

Ruhig und gelassen liegt an diesem Sonntag die Stadt Zwettl zu ihren Füßen. Kaum ein Geräusch dringt von der Altstadt hinauf auf den Propsteiberg. Die Propstei selbst war damals, im 11. Jahrhundert, eines der ersten Gebäude überhaupt, das in dieser Gegend errichtet worden ist. Heute sind die historischen Mauern der ideale Ort, um zeitgenössische Kunst und kunstinteressierte Menschen zusammen zu bringen.

An diesem Sonntag wird gerade die aktuelle Ausstellung des Fotografen Robert Zahornicky aufgebaut. Martin Anibas und Andreas Ortag, die seit 2001 die Viertelsgalerie leiten, sind emsig damit beschäftigt, für jedes Bild den besten Platz auf der 250 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche zu finden.

“Wir verstehen das Hängen der Bilder, das Hängen einer Ausstellung, als gemeinsame Aufgabe zwischen uns und dem Künstler. Es ist ein kommunikativer Prozess, weil man dabei nicht nur den Künstler besser kennenlernt, sondern auch zu seinen Arbeiten im wahrsten Sinne des Wortes ein Nahe-Verhältnis entwickelt”, erklärt Andreas Ortag. Und Martin Anibas fügt hinzu: “Die Räume haben ein Eigenleben. Und auf das musst du dich einlassen. Auf die dicken Steinwände und die alten Holzböden. Wenn man reinkommt, steht man gleich vor einer großen, weißen Wand. Die ist sechs Meter lang. Damit kannst du die Leute abschrecken, aber du kannst sie auch willkommen heißen. Der erste Impuls ist natürlich, dass man ein großes Bild auf diese lange Wand hängt. Aber das ist nicht für jede Ausstellung die optimale Lösung. Es gibt hier einen großen Ausstellungsraum, einen kleinen und den Gang. Und man muss jeden Raum auf seine Art ernst nehmen.”

Ernst genommen wird auch, was es bedeutet, eine der vier Viertelsgalerien zu führen. Auch im Weinviertel, im Industrieviertel und im Mostviertel gibt es eine entsprechende Institution. Die Idee dahinter ist, qualitativ hochwertige Kunst in die Regionen zu bringen. Wobei in Zwettl ein klarer Schwerpunkt auf Waldviertler KünstlerInnen liegt. “Weil es uns wichtig ist, dass die Menschen, die hier leben, die Kunstschaffenden der Region kennenlernen. Und dass die Künstler nicht nur versteckt in ihren Ateliers arbeiten”, meint Anibas. Die Viertelsgalerie im Waldviertel wurde 1988 vom Zwettler Künstler Helmut Schickhofer gegründet. Die Ausstellungsräume waren damals noch sein eigenes Atelier im Zentrum der Stadt. Nach seinem Tod war einige Zeit nicht klar, ob und wie es weitergehen kann. Bis sich Martin Anibas und Andreas Ortag für ein Kunstprojekt zusammengetan haben und das gemeinsame Arbeiten schließlich auf die Galerie ausgeweitet haben. “Ich kann mich noch erinnern, wie wir nach Abschluss unseres Projekts in der Nacht auf einem Parkplatz gestanden sind. Alles war schon zusammengepackt, und geregnet hat es auch. Und dann hat Martin gesagt, wenn du mitmachst, dann mach’ ich die Galerie wieder auf. Und so haben wir es dann gemacht”, erinnert sich Andreas Ortag. Um die stimmungsvollen Räume in der Propstei zu finden, hat es dann noch ein weiteres Jahr gedauert. Aber dann konnte die Viertelsgalerie endlich wieder aufsperren – und nennt sich nun: “Blaugelbezwettl”.

“Viertelsgalerie des Landes Niederösterreich – das klingt eben nicht besonders spannend”, meint Martin Anibas mit einem Lächeln. Nun bezeichnet das “Blaugelb” die Landesfarben von Niederösterreich. Und verweist als Farbspektrum auch auf die Kunst.

Für die beiden Galerie-Leiter wird es immer eine Überraschung bleiben, welche Arbeiten die eingeladenen KünstlerInnen mitbringen. Anibas und Ortag sind ein eingespieltes Team. Nach mehr als fünfzehn gemeinsamen Galeriejahren kann sie so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Selbst als vor einiger Zeit der Bildhauer Alois Lindenbauer mit einem Anhänger und 60 Holzpaneelen angereist ist, haben sie sich nur gedacht “Aha” und dann geholfen, die drei Meter langen, aber nur vier Millimeter dünnen Pappelhölzer vorsichtig durchs Fenster der Galerie zu schieben. Und dann konnten sie dabei zusehen, wie in ihren Ausstellungsräumen eine bemerkenswerte, geschwungene Skulptur entsteht.

Oder als sie zur Zehn-Jahres-Feier der wiedereröffneten Galerie im Jahr 2012 ein Ein-Tages-Fest mit einer Ein-Tages-Ausstellung veranstaltet haben. Jeder Künstler sollte eine Arbeit mitbringen und irgendwo in den Ausstellungsräumen aufhängen. “Da wurden sehr viele Nagerl in unsere Wände geschlagen”, erzählt Ortag, “und die Bilder sind dann so lange gehangen, bis der Künstler gegangen ist. Dann hat er sein Bild wieder mitgenommen. Das war vermutlich die spontanste Ausstellung, die hier je stattgefunden hat.”

Anibas und Ortag sehen ihre Galerie als einen Ort des Austauschs. Zwischen der Kunst und den KunstbetrachterInnen. Und zwischen den KünstlerInnen untereinander. Martin Anibas, 1961 in Waidhofen/Thaya geboren, hat selbst Malerei und experimentelles Gestalten bei Maria Lassnig studiert. Andreas Ortag, Jahrgang 1955 aus Karlstein/Thaya, studierte Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien. In den vergangenen Jahren haben sie eine beachtliche Vielfalt an renommierten österreichischen KünstlerInnen ausgestellt (Franz Xaver Ölzant, Ernst Strička, Norbert Fleischmann, Linde Waber, Judith P. Fischer, etc. ) aber gleichzeitig immer darauf geachtet, auch jungen Talenten ihre Ausstellungsfläche zur Verfügung zu stellen. Und zwischendurch wird zu Konzerten, Lesungen und Filmreihen geladen.

 

Von großer Bedeutung sind die Kunstgespräche, die zur jeweiligen Ausstellungseröffnung stattfinden. “Bei uns gibt es keine Eröffnungsreden und keine Texte, die die künstlerischen Arbeiten erklären”, meint Martin Anibas, “sondern die Gäste setzen sich mit dem Künstler, der Künstlerin zusammen. Es erweitert die Perspektive auf die Arbeiten ungemein, wenn man den Menschen dahinter persönlich kennenlernt.” Andreas Ortag ergänzt: “Die Erfahrung hat uns gezeigt: im Kreis funktioniert es am besten. Weil dann niemand in der zweiten Reihe sitzen muss. Alle sitzen an vorderster Front und zwei fangen an zu reden. Der Künstler und ein Moderator, der die ersten Fragen stellt. Und zum Schluss reden dann immer alle. So stellen wir uns Kunstaustausch vor.”

www.blaugelbezwettl.com

Die Galerie Blaugelbezwettl: Kunst aus der ersten Reihe

Mai 2, 2018