Die Kalifornierin Christy Astuy war 24 Jahre alt , als sie nach Österreich gekommen ist. Hier hat sie zuerst an der Universität für Angewandte Kunst studiert, dann an der Akamdemie der Bildenden Kunst. Seit nunmehr 40 Jahren lebt sie in Wien. Ihre figurativen Bilder, allegorischen Szenen und kunsthistorisch inspirierten Stillleben sind regelmässig in den großen Galerien und Museen des Landes zu sehen. Das “Galerien Thayaland Kunstmagazin” hat sie zu einem Atelierbesuch der diesmal anderen Art getroffen – per Telefon.

 

Galerien Thayaland: Guten Tag, Christy Astuy. Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, um uns am Telefon durch Ihr Atelier zu führen.

Christy Astuy: Sehr gerne. Warum wollen Sie wissen, wie mein Atelier aussieht?

Galerien Thayaland: Weil man viel über einen Künstler, eine Künstlerin erfahren kann – über die Arbeitsweise, über die Inspiration – wenn man einen Blick ins Atelier wirft.

Christy Astuy: Für mich sind Arbeit und Leben untrennbar miteinander verbunden. Der Ort, an dem ich lebe, ist also gleichzeitig auch mein Arbeitsort. Und umgekehrt. Mein Atelier ist also sehr untypisch für eine Künstlerin. Ich arbeite in meiner Wohnung, einer geräumigen Altbauwohnung im fünften Bezirk in Wien. Da habe ich einen großen, hellen Raum, der ist das Atelier, und ein Kabinett, das über die Jahre zum Lager geworden ist. Der Rest ist Wohnung. Aber alles geht irgendwie ineinander über. Meine Möbel sind in Antiquitätenläden zusammengekauft. Alles eher altmodisch, großbürgerlich, ein bißchen englisch. Und sehr gemütlich. Ich hänge kaum eigene Arbeiten auf. Aber ich habe eine kleine Kollektion an Arbeiten von Kolleginnen und Kollegen. Und seit kurzem habe ich ein aufblasbares Doppelbett im Atelier. Da liegt auch mein Hund gerne drauf. Ich finde es sehr wichtig, im Atelier die Möglichkeit zu habe, mich auszuruhen. Nicht unbedingt, um einzuschlafen, sondern weil man viel und lange auf das Bild schauen muss, an dem man gerade arbeitet.

 

 

Und die Inspiration, findet die auch im Atelier statt?

Inspiration finde ich in Büchern. Ich habe sehr viele Kunstbücher, die stapeln sich überall. Ich habe auch ein Bilder-Archiv, Ausschnitte aus alten Zeitungen, die ich gut sortiert in Ordnern aufbewahre. Ich “stehle” sehr gerne aus der Kunstgeschichte. Die italienische Frührenaissance ist meine liebste Epoche. Alte naturwissenschaftliche Bücher mit botanischen Abbildungen und Tier-Bildern blättere ich auch immer wieder durch. Ausserdem lese ich oft Romane und so bekomme ich Ideen auch aus guter Literatur.

Mehr und mehr fällt mir jedoch auf, dass ich aus meiner eigenen Welt zu schöpfen begonnen habe, aus dem eigenen Oeuvre. Szenen, die ich über die Jahre geschaffen habe, entwickeln sich weiter und so entsteht immer wieder Neues.

Und was erzählen Ihre Bilder?

Ich möchte nicht einfach nur ein Bild malen, sondern damit auch etwas aussagen. Ich bin Humanistin. Und ein gewisser Humanismus durchdringt all meine Bilder. Kunst muss uns etwas geben, uns umhüllen und das Leben lebenswert machen. Für mich bedeutet dass, dass meine Bilder die Menschen berühren. Wobei nicht nur der Inhalt, sondern natürlich auch die Technik stimmen muss. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Über die Technik versuche ich ausloten, was Malerei noch alles sein kann.

 

Hatten Sie schon immer so klare Vorstellungen davon, was Ihre Arbeit bewirken soll?

Ich habe mich schon an der Akademie gefragt: wie will ich malen als Frau? Was gibt es für weibliche Themen? Und ich wollte auch immer etwas über “Schönheit” sagen. Aber in ernsthaften Bildern. Wie in der Kunstgeschichte, in der alten Malerei. Dann kam die “Liebe” dazu. Das ist zwar politisch nicht ganz korrekt, aber das ist mir egal. Meiner Meinung nach sind die meisten Frauen besessen von Beziehungen und von der Liebe. Nach wie vor. Also sind Schönheit und Liebe zu meinen Themen geworden. Wobei es schwieriger ist, über Schönheit zu sprechen. Sie ist viel subtiler. In meinen Bildern spotte ich auch oft über die Schönheit. Meine Blumen-Stillleben sind oft künstliche Blumen oder offensichtliche Plastikblumen. Meine Botschaft ist auch: Schönheit ist nicht mehr das, was es einmal war.

Neben den Stillleben haben Sie auch eine Menge Selbstportraits gemacht, über die Jahre.

Ich würde sie nicht als Selbstportraits bezeichnen. Es sind Bilder, in denen die Figur meinen Kopf trägt. Das ist alles. Ich verwende dafür seit 30 Jahren dasselbe Foto von mir. Begonnen habe ich damit, weil ich für meine allegorischen Figuren Gesichter gebraucht habe und die mussten irgendein Gesicht haben. Zum Beispiel bei Botticelli oder Perugino, in der Frührenaissance, ist mir aufgefallen, dass viele Figuren dasselbe Gesicht haben. Und mir scheint, dass es meist das Gesicht des Malers ist. Man malt eben auch lieber Figuren, die einem sympatisch sind. Und ich dachte, es ist lustig, wenn so viele Figuren in meinen Bildern mein Gesicht haben. Indirekt ist natürlich jedes Bild eines Künstlers immer auch ein Selbstportrait. In jedem Bild steckt etwas von mir drinnen. Aber es sind keine klassischen Selbstpotraits. Ich finde, Bilder sollten nicht zu ich-bezogen sein, sondern relevant auch für andere. Sie sollen universell gültig sein.

 

 

Diese Universalität findet sich auch in Ihren wiederkehrenden Motiven.

Im Memento Mori, zum Beispiel. Eines meiner Bilder zeigt eine Frau, die auf einer Wiese liegt und in den Himmel schaut. Dort sieht sie einen Schmetterling. Das hat etwas mit Schönheit zu tun, aber auch mit Vergänglichkeit. An diesem Bild hat mich zuallererst die Komposition interessiert: die große Frau und der kleine, fragile Schmetterling. Meine Bilder entsprechen immer meiner Philosophie: meiner Bewunderung und meiner Verzweiflung über die Welt.

Welche Rolle spielen Farben in Ihren Bildkompositionen?

Ich liebe es, mit Farben zu arbeiten. Etwas, das mich absolut schockiert hat bei Maria Lassnig: dass sie ihr ganzes Leben mit den gleichen sieben Farben gemalt hat. Ich liebe die Subtilität unterschiedlicher Farben nebeneinander. Oft funktioniert ein Bild auch erst dann, wenn ich sehe, in welchen Farben ich es umsetzen werde.

 

 

Erzählen Sie uns noch etwas über Ihre aktuelle Serie, die „iPad Zeichnungen“. Hier zeichnen Sie digital und arrangieren auf dem iPad die eigenen Motive immer wieder neu.

Die Serie heißt “L’Amante” und es geht um die italienische Figur des Kavaliers, in großem Hut und mit Stiefeln. Und in der Hand hält er noch ein Bouquet Blumen – der klassische Liebhaber also. Ich reise gerne nach Italien und dort bin ich auf die Idee gekommen. Das digitale Medium, das ich verwende, wurde inspiriert vom online-Dating. Und es geht dabei wieder um meine Themen, die Schönheit und die Liebe.

Ich nenne diese digitalen Werke, die ich mit einer App auf meinem iPad erstelle, „iPad-Zeichnungen“, obwohl mir bewußt ist, dass sie mehr malerisch als grafisch sind. Ich benutze jedoch einen Stift, den iPencil, um sie zu erstellen, um zu kritzeln und um einzufärben, also die Körpersprache des Zeichnens und nicht des Malens. Die Bilder, die in der virtuellen Welt des Computers entstehen, können nur durch den Digitaldruckprozess materiell manifest werden. Jedes Werk wird mit Ink-Jet-Technologie auf Kunstdruckpapier gedruckt – und jedes Werk wird nur einmal gedruckt. Es gibt keine Editionen. Wie eine tatsächliche Zeichnung auf Papier sind auch meine „iPad-Zeichnungen“ einzigartig.

Meine Ausstellung im Raum für Kunst im Lindenhof wird “The impossible Dream” heißen. Das ist der Titel eines urkitschigen amerikanischen Lieds. Die Ausstellung wird auch eine Art Retrospektive sein. Es wird mir große Freude machen, so viele meiner Bilder nebeneinander zu sehen.

 

 

Das Interview führte Dominique Gromes
Portraitfotos: © Herbert Mayer
Fotos von Arbeiten: © Christy Astuy
Ausstellungsansicht Lindenhof: © Galerien Thayaland

Christy Astuy: „Es ist schwierig, über Schönheit zu sprechen.“

Jun 22, 2021