Über gerettetes Kulturgut und das Leben auf dem Land

 

Von außen betrachtet erinnert der Apostelhof im dritten Bezirk in Wien – mit seiner langen Verladerampe, den schweren Metalltüren und dem (nicht mehr funktionstüchtigen) Lastenaufzug – noch an seine Zeit als Saatgutfabrik. Es fahren jedoch schon lange keine Lastwägen mehr durch das hohe Tor. Öffnet man nun eine der Metalltüren und betritt das Gebäude, wird sofort seine neue Bestimmung deutlich. Zahlreiche Plakate kleben an den Wänden und im Stiegenhaus. Jedes der bunten Werbeträger verweist auf eine andere Ausstellung eines bekannten österreichischen Künstlers. Es war im Jahr 1987, als eine Gruppe ehemaliger Studierender der Wiener Kunstakademie hier ihre Ateliers eröffnet haben. Die meisten arbeiten heute noch hier. Eine von ihnen ist Iris Andraschek. Wir haben ihr in ihrem Atelier im Apostelhof einen Besuch abgestattet.

Galerien Thayaland: Wenn man sich in deinem Atelier umsieht, sieht man hier zu fast gleichen Teilen Fotografien und Zeichnungen. Bezeichnest du dich eher als Fotografin oder Zeichnerin?

Iris Andraschek: Ich bezeichne mich definitiv als beides. Ich habe Grafik und Druckgrafik an der Akademie für Bildende Kunst studiert, also immer sehr viel gezeichnet. Und ich stamme aus einer Fotografen-Familie. Mein Vater war klassischer Fotograf, er hat Hochzeitsfotos gemacht, Kinder-Serien und alles was dazugehört. Meine Schwester führt das Geschäft jetzt weiter. Es befindet sich noch immer auf dem Hauptplatz von Horn. Mit diesem biografischen Element beschäftige ich mich momentan auch in meiner künstlerischen Arbeit. Mein Vater ist im vergangenen Jahr verstorben und hat einige Super8-Filme hinterlassen. Das sind großartige Filme, sehr präzise komponiert und geschnitten. Was mich nun interessiert, ist herauszufinden, was mein fotografischer Blick mit dem meines Vaters zu tun hat. Denn obwohl mir mein Vater eigentlich nie etwas gezeigt hat, trete ich doch auf gewisse Art – nicht in seine Fußstapfen, aber da ist schon ein Einfluss auf meinen fotografischen Blick zu erkennen.

Galerien Thayaland: Und gleichzeitig hast du einen eigenständigen Blick entwickelt. Auch einen sehr weiblichen Blick, würde ich sagen. So ist auch das Leben von jungen Frauen oft Thema in deiner Arbeiten.

Iris Andraschek: Es ist Thema in meinen Arbeiten, weil es auch für mich als junge Frau Thema war. Ich bin in Horn, einer Kleinstadt, aufgewachsen. Da hatte man ab einem gewissen Alter Fragen, die einem niemand beantworten konnte. Und deshalb habe ich dann mit meiner Freundin zwei Playboy-Hefte selbst gestaltet. 1976 war das. Mit den Heften haben wir uns selbst auf die Suche nach den Antworten gemacht. Wir haben Collagen gestaltet, nackte Männer und nackte Frauen. Und dazwischen immer wieder Texte, die sich mit weiblicher Sexualtität beschäftigt haben. Das war schon eine sehr frühe künstlerische Auseinandersetzung von mir.

Galerien Thayaland: Und gleichzeitig merkt man auch da schon dein Interesse an den Menschen ganz allgemein. Und dein Interesse für das Portraitieren ihres Lebens.

Iris Andraschek: Was mich früh interessiert hat, waren die Menschen am Land, was sie tun und was sie denken. Und das hat sich langsam entwickelt zu meinen jetzigen Themen: Leute, die sich mit Pflanzen beschäftigen, mit der Landschaft und der Landwirtschaft, die sie umgibt. Diese Menschen spreche ich an, lerne sie kennen und portraitiere sie dann. Zum Beispiel habe ich eine Fotoserie über eine Familie in Sankt Leonhard am Hornerwald gemacht. Ich bin einmal an ihrem Hof vorbeigefahren und habe mir gedacht: hier sieht es ganz anders aus, als auf allen anderen Höfen. Also bin ich stehen geblieben und habe mit der Familie geplaudert. Sie haben mir dann erzählt, dass sie versuchen, völlig autark zu leben. Das habe ich dann versucht, fotografisch einzufangen.

Galerien Thayaland: Du arbeitest also auf eine Art also auch dokumentarisch, indem du recherchierst, bevor du mit der Arbeit beginnst?

Iris Andraschek: Manchmal mache ich Videointerviews, die dann zur Basis für meine Zeichnungen werden. Ich habe letztes Jahr einen Workshop mit afghanischen Frauen gemacht, das war ein Projekt für das Kunsthaus Graz, der Akademie Graz und der Caritas mit Frauen im Flülchtlingsstatus. In den Gesprächen ging es oft um Zwangsehen und Gewalt in der Ehe. Ich habe den Frauen dann gesagt, dass ich die Zeichnungen gerne mit ihnen gemeinsam entwickeln möchte. Eine Zeichnung, zum Beispiel, gibt den Fluchtweg einer Frau wieder. Und ich habe essentielle Aussagen der afghanischen Frauen über Ornamente und Schriftschlingen in meine Zeichnungen integriert.

Galerien Thayaland: Mittlerweile stellen deine Arbeiten eine Archiv mit internationalen Dimensionen dar: so hast du 2003 für eine Residency in einer kanadischen Community gelebt und fotografiert und du warst 2017 in Chongqing, der größten Stadt Chinas, und hast auch dort ländliche Strukturen vorgefunden.

Iris Andraschek: Einwohnermässig ist Chongqing sogar die größte Stadt der Welt (Anm.: 30,5 Mio Einwohner auf einer Fläche so groß wie Österreich). Und trotzdem leben dort Menschen mit bäuerlichem Hintergrund. Der Grund ist, dass ab den 1990er Jahren zigtausende Leute vom Land nach Chongqing zwangsübersiedelt wurden, als der grösste Staudamm der Welt gebaut wurde. Diese Menschen leben jetzt immer noch dort, in riesigen, anonymisierten Wohnbauten. Aber was sie tun ist, die Dächer in Mini-Landwirtschaften zu verwandeln. Da gibt es dann Hüher, Gänse und Komposthaufen auf dem 40. Stockwerk. Und dort bin ich mit einem Dolmetscher hin und habe fotografiert. Meine Befürchtung war, dass es schwer sein wird, an die Leute ranzukommen. Aber dann waren alle wahnsinnig freundlich, aufmerksam und hilfsbereit.

Galerien Thayaland: Eine deiner letzten großen Ausstellungen war im Museum Moderner Kunst Kärnten, gemeinsam mit deinem Mann Hubert Lobnig. Du hast dort, unter anderem, eine große Installation aus Seifen präsentiert. Also weder Fotografie noch Zeichnung. Was hat es damit auf sich?

Iris Andraschek: Diese Seifen wurden in Syrien seit Jahrtausenden nach demselben Rezept hergestellt und früher am historischen Markt von Aleppo verkauft. Jetzt werden sie von geflohenen Familien an der türkisch-syrischen Grenze gemacht und dort verkauft. Ich bin hingereist und habe mit den Familien gesprochen. Und war dann so begeistert von den Seifen – weil sie auch wie Gegenstände, wie Bausteine funktionieren – dass ich ein Kontingent davon importiert habe. Insgesamt 600 Kilo Seife, das sind 2500 Stück. Der Markt von Aleppo war Weltkulturerbe, bevor er komplett zerbombt worden ist. Wissenschaftler haben den Markt nun als Bauplan rekonstruiert, sodass er später wieder aufgebaut werden kann. Und ich habe auf Basis dieses Plans die Markt-Architektur mit den Seifen nachgebaut. Diese Seifen sind ja auch ein Symbol für gespeicherte Kulturgeschichte, für den Transfer von Wissen. Das ist es, was versucht wird, zu zerstören. Aber nachdem die Seife nun an der türkisch-syrischen Grenze wieder produziert und verkauft werden, ist damit das Kulturgut gerettet.

Das Gespräch führte Dominique Gromes
Fotos: Attila Boa

Die Ausstellung von Iris Andraschek findet von 10. August bis 15. September 2019 im Raum für Kunst im Lindenhof in Raabs an der Thaya statt.

Im Sommer 2019 wird ausserdem die Installation “Wohin verschwinden die Grenzen? Kam mizí hranice?” am Grenzübergang Fratres/Slavonice von Iris Andraschek und Hubert Lobnig neu überarbeitet wieder-eröffnet:

Die Arbeit “Wohin verschwinden die Grenzen?” steht direkt neben dem in den frühen 1990er Jahren neu errichteten, österreichischen und tschechischen Grenzübergang bei Fratres. Die Metallkonstruktion – 4 m hoch und über 50 m lang – ist Display für einen Schriftzug und für Bildtafeln, und gleichzeitig ein Verweis auf staatliche und private Abgrenzungsstrategien. Zentrum der Konstruktion ist seit 2009 eine Fotoserie, die mit Laiendarsteller_innen mit Migrationshintergrund in Čižov inszeniert wurde, wo ein letzter Rest musealisierter Eiserner Vorhang zu finden ist. 2014 wurde die Installation mit Arbeiten von FotografInnen aus Tschechien, Polen und Österreich erweitert. Die Frage “Wohin verschwinden die Grenzen” hat aber auch 2019, dreißig Jahre nach Ende des Eisernen Vorhangs, nichts an Dringlichkeit eingebüßt. Iris Andraschek und Hubert Lobnig präsentieren daher ab 24. 08. 2019, um 15:00 Uhr in Fratres/Slavonice ihre aktuelle künstlerische Intervention über die sichtbaren und unsichbarten Grenzen Europas.

Atelierbesuch bei Iris Andraschek

Mrz 18, 2019