Wie die zeitgenössische Kunst ins Bandlkramerlandl kam

 

Begonnen hat die Geschichte der Kunstfabrik nicht in Groß Siegharts, sondern in Allentsteig. Dort nämlich hat der spätere Leiter der Kunstfabrik, Günther Gross, ein Haus besessen und in dessen Erdgeschoss – einem ehemaligen Geschäftsslokal – immer wieder Ausstellungen veranstaltet, Künstler-Freunde geladen und so den Ort in einen beliebten Treffpunkt der Waldviertler Kunstszene verwandelt.

Günther Gross hat Bildhauerei an der Akademie der bildenden Kunst in Wien studiert und wollte sein Haus im Waldviertel auch als Atelier nutzen. Doch dafür war es bald zu klein. Und auch die Ausstellungen waren bald so gut besucht, dass kein Platz mehr war, für die Kunst und die vielen Menschen im engen Lokal. Ein neuer Raum musste her. Und der Tipp eines Freundes brachte Günther Gross auf die leerstehende Fabrik in Groß Siegharts. Mit ihren drei Stockwerken, den hellen Räumen und dem unendlichen Platzangebot war schnell klar, dass das der ideale Ort war: zum leben, zum arbeiten, und um ein Zentrum für zeitgenössische Kunst aufzubauen.

2008 hat Günther Gross die ehemalige Bandweberei gekauft. Die “Wagner-Fabrik” hat sich damals noch in Familienbesitz befunden und hat teilweise sogar noch Bänder verkauft. Bänder, sowie zahlreiche ausgediente Webstühle, sind bis heute in der Kunstfabrik zu finden. Bevor aus der Bandweberei jedoch die “Kunstfabrik Groß Siegharts” werden konnte, haben Günther Gross und seine Lebensgefährtin Petra Krall erst mal viel Mühen, Energien und eigenes Geld in die Hand genommen, um das Gebäude zu renovieren. Die ehemalige Wohnung der Fabriksbesitzerin wurde in eine 120 Quadratmeter große Galerie verwandelt, im ersten Stock wurde für junge KünstlerInnen ein Projektraum eingerichtet. Auf derselben Etage befindet sich heute auch das Atelier von Günther Gross sowie ein großer Veranstaltungsraum für Konzerte, Lesungen und Klangkunst. Im zweiten Stock ist die private Wohnung von Günther Gross und Petra Kralluntergebracht. Und im obersten Stockwerk sorgen die alten Webstühle noch immer für Staunen und hierhin laden auch regelmässig junge KünstlerInnen zu Performances ein.

2009 wurde die erste Ausstellung in der Kunstfabrik Groß Siegharts eröffnet. Es folgten, in regelmässigen Abständen vier bis fünf weitere Ausstellungen pro Jahr. Die gesamte Organisation – von der Auswahl und Einladung der Künstler, über den Transport und den Au au der Ausstellung, bis hin zum Catering für die Eröffnungen und den Führungen während der Ausstellungsdauer – mußten Günther Gross und Petra Krall selbst (und in der eigenen Freizeit) bewältigen und mit eigenen Mitteln finanzieren.

Zur Freude der beiden stellten sich jedoch bald erste Erfolge ein. Bekannte und international anerkannte KünstlerInnen wie Markus Hofer, Michael Kos und Irina Rosc zeigten ihre Werke in der Kunstfabrik und die Besucherzahlen stiegen immer weiter an. So mussten schließlich sogar die Öffnungszeiten ausgedeht werden: konnte man Anfang nur am Wochenende die Ausstellungen besuchen, hat die Kunstfabrik nun von Mittwoch bis Sonntag, jeweils 13 bis 18 Uhr geöffnet. Neben den zahlreichen Kunstschaffenden des Waldviertels kommen regelmässig kunstinteressierte Menschen aus Groß Siegharts und der ganzen Region in die Kunstfabrik. Durch den steigenden (vor allem Radfahr-) Tourismus, begrüsst die Kunstfabrik regelmässig Gäste aus ganz Österreich, Deutschland und Tschechien.

Dadurch hat auch das Land Niederösterreich die Leistung der Kunstfabrik Groß Siegharts anerkannt. Seit 2012 unterstützt die Kulturabteilung des Landes Niederösterreich die Ausstellungen in der Kunstfabrik finanziell. Seit 2013 gibt es auch Förderung aus Mitteln des Bundes. So konnte auch das Team der Kunstfabrik verstärkt werden: Maria Wiesinger ist im Bereich der Ausstellungs-Aufsicht tätig. Dominique Gromes (und vor ihr Angelika Starkl) ist für Pressearbeit und Ausstellungsmanagement zuständig.

Mittlerweile hat die Kunstfabrik (fast) das ganze Jahr über geö
ffnet. Fünf Ausstellungen finden pro Jahr in der Galerie der Kunstfabrik statt. Nochmals so viele im Projektraum junge Kunst. Gerade bei den jungen KünstlerInnen hat die Kunstfabrik schon oft ihr gutes Kunstverständnis und Gespür bewiesen. Zahlreiche junge Kunstschaffende, die ihre ersten Ausstellungserfahrungen im Projektraum sammeln konnten, sind mittlerweile zu international gefragten KünstlerInnen avanciert. Darunter Benjamin Eichhorn, Stylianos Schicho und Marianne Vlasitsch. Die Namen aller KünstlerInnen aufzuzählen, die in den vergangenen zehn Jahren in der Kunstfabrik Groß Siegharts ausgestellt haben, würde sehr viele Seiten in Anspruch nehmen. Nicht unerwähnt bleiben soll in jedem Fall, dass jeder einzelne von ihnen die Kunstfabrik Groß Siegharts und die Region des Bandlkramerlandls bereichert hat. Eine Vielzahl von kunstinteressierten Menschen hat in den vergangenen Jahren ihren Weg in die Kunstfabrik gefunden. Viele neue Freundschaften konnten so entstehen, viele interessante Projekte entwickelt werden.

10 Jahre Kunstfabrik

Mrz 18, 2019